Sonntag, 30. August 2009

Heute von gestern.




Alter Schwede Kasbohm!


Früher war alles besser. Nie, und ich meine wirklich niemals, habe ich meine Eltern, ja noch nicht einmal meine Großeltern diese vier Wörter sagen hören. Warum ausgerechnet ich unser digitales Poesiealbum jetzt mit diesem klischeehaften Sommerloch-Blödsinn bereichere, wollen Sie wissen? Sag ich Ihnen: ich hab gestern Springsteen gehört. Und nicht das heuer hoch gelobte Spätwerk Working on a dream (eher langweilig) oder Magic (tatsächlich langweilig). Auch nicht das tolle Devils and Dust, das verkannte Tunnel of Love oder das ewige Born to Run. Nö. Ich hab Born in the U.S.A. gehört. Und zwar rauf und runter, kreuz und quer und richtig laut. Mehrmals. So. Das bratze ich Ihnen jetzt mal so hin, Kasbohm und sogar ganz ohne rot zu werden. Wenn man es erstmal über den Classic-Rock-Radio-verseuchenden Opener geschafft hat, ist einem auch die Reputation gegenüber der Nachbarschaft Wurst. Dann wirft man sich mit Verve in Bobby Jean oder Darlington Country, schwoft mit dem Schrubber zu Cover me. Das ist natürlich nur im übertragenen Sinne gemeint, obwohl ich weiß, dass Sie mich gerne in Kittelschürze und mit Fliegenpilz-Clogs beim rockenden Hausputz erwischen würden, um mich der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch der von unserer Hausverwaltung angeheuerte Gärtner hat die Bäume und Büsche vor meinen Erdgeschossfenstern empfindlich gestutzt und mein Leben wird zunehmend öffentlicher. Luftgitarre fällt also ab sofort flach. 


Ich frage Sie, Kasbohm (und zwar GEZIELT!): warum ist vielen Menschen, die sich damals nach Dancing in the Dark weiße T-Shirts gekauft haben, Born in the U.S.A. heute eigentlich peinlich? Wegen der Bauarbeiter-Pose? Den Röhrenjeans? Oder doch tatsächlich aufgrund der hochamerikanischen Attitüde dieses Albums? Ich bin ratlos. Schließlich ist Born in the U.S.A. eine recht famose Rock'n'Roll Platte, zu der man teilweise sogar Rock'n'Roll tanzen könnte, wenn man wollen würde. (Dabei fällt mir wieder ein, was ich Ihrem letzten Eintrag entnehmen konnte: Sie sind Tänzer?!? Nun gut. Ach ich will jetzt nicht wieder mit den Pet Shop Boys... das nutzt sich ja auch mal ab, irgendwann. Gottes Mühlen mahlen langsam, Kasbohm, nur so viel sage ich dazu.) 


Jedenfalls war früher alles besser. Das ging mir gestern so durch den Kopf, als ich den Boss durch meine Ohrmuscheln gniedeln und nuscheln ließ. Kann man ja mal machen. Geht ja, wenn man über 40 ist, erblich bedingten, partiellen Haarausfall zu beklagen und einen Schluck Bier zu viel getrunken hat. Legitim. Früher war alles besser. Ha! Auch das Hineinsteigern ist lustvoll und spaßig. In etwa bei I'm on Fire erinnerte ich mich an die Zeit, als ich besagte Platte frisch erstanden hatte. 1984 hörte ich Springsteen auf meinem klapprigen Fahrrad mit Schwalbenlenker jeden Tag und das Tolle daran war, dass mir diese (wie auch manch andere Scheibe, die ich auf diese Art konsumierte) näher und näher wurde. Damals hatten Langspielplatten ja noch u.a. als Qualitätsmerkmal, dass sie auf eine Seite einer 90er Kassette passten. Was bei Springsteen nur um wenige Akkorde Überhang der Fall war. Und wenn ich gerade so richtig in Fahrt war, konnte ich Glory Days oder No Surrender eben nicht per Knopfdruck gleich nochmal hören. Hätte man zurückspulen müssen. Ist der iPod daher eine positive Errungenschaft? Wenn Sie mich mal im Dunkeln fragen: Mitnichten. Denn aufgrund technischer Beschränkungen war man damals gezwungen, Platten in Gänze durchzuhören und konnte am Ende auch schwächeren Stücken im Gesamtwerk etwas Gutes abgewinnen. Der iPod hingegen ist zwar formschön und überaus praktisch. Trotzdem aber der Pickel am Arsch der Neuzeit, in der uns Amazon und iTunes mit 20sekündigen Probehäppchen pervertieren und einzelne Tracks von als Album erdachten Platten downloaden lassen. Durch das Internet wird Musik zur nicht enden wollenden Hitparade des Schnellkonsums. Früher war das besser. Jawohl. Ein hübscher Gedanke. Natürlich unsinnig und schematisch, aber man kann sich so schön drin suhlen wie eine glückliche Haussau auf einem Bio-Bauernhof im Besitz von Vegetariern. Doof bloß, dass sich das schlecht ausknipsen lässt, wenn man mal angefangen hat. Wie ich dann heute bemerken musste, als ich mit unserem gemeinsamen Sportsfreund SM das Samstagskaffeeritual beging. Danach der lieb gewonnene Abstecher in den Plattenladen. Unter anderem erstand ich dort schwedische Erstausgaben von Abbey Road und Rubber Soul, die Maxi-Single von All I need is everything der wunderbaren Aztec Camera (wonach ich seit Ewigkeiten gesucht habe) sowie Gloria Gaynors Never can say Goodbye als Longplayer in Mint Condition. Tja. Alles olle Platten. Warum? Weil früher... naja, wie erwähnt. 


Aber Achtung! Ebenfalls knallte ich dem Verkäufer heute etwas halbwegs Neues auf den ranzigen Verkaufstresen: Nämlich das

grandiose Cardinology von Ryan Adams & The Cardinals, streng limitiert und in herzerwärmendem rotem Vinyl. Und da schließt sich der Kreis. Nicht bei Cardinology, sondern bei Ryan Adams. Denn der hat 2001 mit Gold nicht nur die beste Platte der letzten 50 Jahre fabriziert, sondern auch sein persönliches Born in the U.S.A. in die Welt entlassen. Inklusive stark ähnelnder Covergestaltung. Gold ist deshalb so einzigartig und berauschend, weil man nach 16 Stücken so gut wie jedes, durch zeitgenössische Musik auszulösende Gefühl erlebt hat. Den Gedanken, dass alles, ja einfach alles heute, morgen oder auch übermorgen möglich ist. Das Gefühl, das der Stoff einer brandneuen Jeans auf den Oberschenkeln erzeugt. Die Überraschung, dass Oliven in einer italienischen Stadt wirklich gut schmecken können, erst recht in der Nachmittagssonne und vor allem in Gegenwart einer atemberaubenden Frau, die im Begriff ist, einem das Herz zu brechen. Ryan Adams hat nicht einfach nur ein paar Musikstücke aufgenommen. Er hat von der Morgensonne erwärmte Jalousien vorm Hotelfenster vertont, den Duft vom Meer unten am Hafen oder von Benzin an einer alten, verwitterten Tankstelle im Niemandsland. Gold blendet wie die Sonne im Hochsommer, regnet über einem ab wie ein kurzer Schauer, hüllt einen ein wie eine Decke am Feuer. Musik aus der Zeit, in der man dachte, zwei Schachteln Kippen und ein Glas zuviel würden einen niemals umwerfen, geschweige denn den nächsten Morgen vermiesen können. Mit diesem Album wird man sich wieder gewiss, dass einen höchstens die Liebe auf die schlimmsten Arten meucheln kann. Und nicht Steuerschulden, ein intriganter Abteilungsleiter oder eine verpasste Darmkrebsvorsorge. Und darum ist heute alles besser, als früher. Was genauso doof und stereotyp ist, aber tröstlicher.


Kommen wir also nunmehr zur lang erwarteten Abschlussbetrachtung dieses Themas. Früher war vieles besser. Springsteen war noch nicht 60. Peter Maffay auch noch nicht, wurde dafür aber standesgemäß und vollkommen berechtigt im Vorprogramm der Stones mit Flaschen, Dosen und Obst diverser Art beworfen. Waterboarding klang noch wie eine neue Sportart. KISS sahen noch nicht wie lackierte Mettwürste aus. Und ein VW Polo nicht wie ein neuer Golf, sondern wie vier Gartenstühle mit Karosserie drumherum. In meiner Erinnerung ist der Sommer orange mit drei hellblauen Streifen. Und hatte noch keine Löcher, jedenfalls keine so thematischen, wie dieser Beitrag heute.


Doch weil Ryan Adams über unseren Erdball strolcht und hoffentlich weiterhin jedes Jahr mindestens eine Platte produziert, ist heute die Welt ein ganzes Stück toller als sie zuvor war. Das trifft sogar auf die Zukunft zu! Jedenfalls bis morgen, wenn im Osten gewählt wird. Aber das überlasse ich jetzt mal Ihnen, Kasbohm. 


Morgen sicher nicht mehr gestrig,

Ihr VDL

Sonntag, 9. August 2009

The Last Of The Great musikalische Wahnsinnsgenies


Tja, der Jacko. Seine Musik wurde mir mit den Jahren zunehmend egaler aber er hat sich immer sehr gut um Kinder gekümmert. Das muss man ihm lassen. Die „Thriller“ fand ich damals recht toll. Habe dann nach und nach auch die früheren Sachen kennen und schätzen gelernt, erinner mich auch noch an seinen Brandunfall beim Pepsi-Spot. Der erst sehr dramatisch klang, dann weniger dramatisch und jetzt für seinen Tablettenkonsum verantwortlich gemacht wird. Körperlich und seelisch (und so vermutlich auch musikalisch) ruiniert durch Pepsi. Darauf erst mal eine Coke. Cola, nicht Linie.

Als die „Bad“ dann rauskam, fühlte ich mich ersten „zu alt“ für diese Musik (so ist man ja, wenn man jung ist. man möchte auf Teufel komm raus erwachsen sein. Später weiss mans dann besser) und zweitens war ich auch irre enttäuscht als ich sie hörte. kaum noch gute Songs und eine schauderhafte, unsoulige Produktion. Nur „Liberian Girl“ fand ich super. (Ich will übrigens immer „Librarian Girl“ schreiben. Auch ein schönes Thema. Was mich wieder an das großartige Stück „Karen“ von den Go-Betweens erinnert. In dem geht es um eine Bibliothekarin. Bibliothekaren. Hihi. Ich verliere den Faden...). Und „I just can’t stop loving you“ war auch noch okay. Das andere klang alles so, hm, kalt. Was ja nicht prinzipiell schlecht ist. Bei Karftwerk ist es zum Beispiel super, wenn sie „kalt“ klingen. Oder bei My Bloody Valentine. Aber nicht bei Jackson. Sicher ein absoluter Tiefpunkt in dem Schaffen von Quincy Jones. Aber die 80er waren ja generell ein ganz schwieriges Jahrzehnt. Insbesondere für Soul.

Seine späteren Platten hab ich dann kaum noch angefasst. Die Singles fand ich doof, die Produktion hat mich genervt, aber ich bin mir sicher, dass er auch da noch auf jeder Platte ein bis zwei gute Stücke geschafft hat. Er hat zwar weitgehend den Bezug zu Realität verloren, aber das Talent war nicht vollkommen ausgelöscht. Auch wenn es alles immer mehr in den Hintergrund geriet. Danke, Pepsi. Aber ich war ja eh immer mehr für Prince.

Vor gut 10 Jahren erzählte der wunderbare Paddy McAloon von Prefab Sprout mal in einem Interview, dass er an einem Songzyklus über Michael Jackson arbeitet, weil ihn die Figur so fasziniert. Die Überhöhung, die Künstlichkeit, die Tragik. Das würde mich mal sehr interessieren. Liegt bestimmt irgendwo bei McAloon im Schrank und er hat kein Bock es zu veröffentlichen. Neulich sagte er, er befindet sich gerade in einer Brian-Wilson-Phase. Nur ohne Doktor und ohne Psychopharmaka. Und vermutlich auch ohne Sandkiste. Aber, ich werde nicht müde zu betonen: Paddy McAloon ist vermutlich das letzte echte, noch „funktionierende“ Genie der Popwelt.

Eines der anderen Projekte, von dem er vor 10 Jahren sprach war „Lets change the world with Music: the Blueprint“. Ein großartiger Titel. Und erscheint jetzt im September. Und ich kann euch sagen: Auch diese Platte ist wieder ein Monument von überbordender Schönheit und Liebe. Außerdem sind da Titel drauf mit so schönen namen wie „The Last of the great Romantics“ und „Earth: The Story so far“. Vor allem letzteren finde ich ja absolut größenwahnsinnig und phantastisch.

Paddy McAloon bzw Prefab Sprout haben mich ja vor vielen Jahren für immer eingefangen als sie ihre kurze Radiohitphase hatten. Da lief dann halt immer „Cars and Girls“ im Radio und ich hab das erstmal so gehört, wie man Radio hört. Nebenbei, nicht weiter drauf geachtet. Und dann hab ich irgendwann festgestellt, dass die Refrainzeile ist: „Some things hurt more, much more than cars and girls“. Und ich wusste: Dies hier ist kein Chartsfutter, dies ist kein Lebloses Produkt, dies ist große Kunst. Intelligenz. Wahre Lyrik. Zu schlau und zu sensibel um lange eine große Nummer im „Geschäft“ zu sein. Aber dafür inzwischen eine Karriere mit vielen großen Meisterwerken und einer echten Jahrhundertplatte. „Steve McQueen“. Wenn man seine Platte schon so nennt muss man ein Guter sein. Einer von uns. Bloß besser.

So jetzt erstmal genug der Heldenverehrung. Ich fülle mir jetzt die Badewanne mit Eiswürfeln und versuche mich vor der schwülen Hitze zu verdrücken.

Einen guten,

aka

Sonntag, 19. Juli 2009

Tschüss Jacko.



Lieber Pop-Freund Kasbohm.


Jetzt habe ich mich tage- ja mittlerweile wochenlang gefragt, ob wir dies nun tun sollen, oder nicht. Lassen wir uns über Michael Jackson aus oder überlassen wir das allen Anderen? Den Gazetten, TV-Sendern, Radio-Stationen, Internet-Bloggern, Sandwich-Männern und -Frauen, Handzettelverteilern? Ich finde: nein. Man hat Verantwortung. Und hinter uns liegt schließlich nicht der Tag, an dem Conny Kramer starb, sondern die Nacht, in der Michael Jackson das Zeitliche segnete. Also los. Je eher daran, je eher davon sagt man ja hier im Norden. 


Michael Jackson ist tot. Und wenn man sich in die Reihe derer stellt, die ihm jetzt noch etwas hinterherrufen wollen, ist das weitaus schwieriger, als beispielsweise bei Joe Strummer. (Doller Kerl, klasse Musik, verdammt schade.) Bei Michael Jackson kann man das alles nicht beurteilen, ohne dass man den Freak dahinter sieht. Den Typen mit dem Affen, dem Sauerstofftank, der mysteriösen Hautkrankheit. Dem König des Sackgreifens mit einer verhängnisvollen Vorliebe für Micky Maus, Narkotika und kleinen Jungs. Ist dieser Trümmerhaufen von Leben eigentlich trennbar von der Musik des Künstlers? Ich habe das gestern Abend in einem Selbstversuch getestet und mir persönlich ist das nicht gelungen. Nun war ich – trotzdem ich die wirklich wichtigen Platten des Verblichenen besitze – nie ein enger Anhänger Michael Jacksons, sondern habe mir das immer mit einigem Abstand angeschaut. 


Auch wenn ich grauenhaft wenig Talent für Zukunftsprognosen und Trends besitze, hatte ich schon bei Thriller irgendwie so ein komisches Gefühl. Jacko war mir immer zu spackig, zu schmalzig, zu überproduziert. Amerikanisches Plastiktheater ohne Substanz, nur bestehend aus bunten Kulissen. Das Disneyland der Musik. Der Motown-Soul mit den letzten Pubertätspickeln hinfort gepflegt. Dennoch ging ich Jackson irgendwann in die Falle und ich befinde mich damit noch nicht einmal in schlechter Gesellschaft. Selbst Quincy Jones wurde in den Sog gerissen und musizierte sich wenig später mit ein paar eigenen Platten um Kopf, Kragen und Reputation. Stevie Wonder ging Jackson auf den Leim und zeitweise musste man annehmen, dass dieser Gigant neben dem Augenlicht mittlerweile einen weiteren seiner körperlichen Sinne verloren hatte. Darüber hinaus saß mit MJ in der Achterbahn alles, was im Amerika des Mainstreams musikalischen Rang und Namen hatte. Die versammelte Musikbeamten-Truppe von Toto, Greg Phillinganes, Nile Rodgers und Paulinho daCosta. Angesichts dessen, was so am Ende geschah, würde man Michael Jackson heute nur allzu gern auf die Jackson Five und das Apollo, auf Off the Wall und natürlich Thriller reduzieren. Letztere in der Tat recht gute Pop-Platten der End-70er und 80er. Wirklich durchgängig herausragend war ein Michael Jackson Album aufgrund der obligaten Schnulzen schließlich nie. Aber immer gut für ein paar ganz famose, vermutlich ewige Knaller des Dancefloors. Über Billy Jean und Beat it muss niemand mehr diskutieren. Trotzdem habe ich Jackson vernachlässigt und mir Bad erst zugelegt, als die Platte im Laden längst verramscht wurde.


Bis Dangerous erschien. Nein, Kasbohm. Ich trage meine Hosen seit jeher dort wo sie hingehören und nicht um die Kniekehlen. Wiewohl ich Hip-Hop im Großen und Ganzen auch ziemlich bescheuert finde. Was mir an Dangerous jedoch wirklich gefiel, war die Kompromisslosigkeit. Die ersten drei Stücke mit einem ziemlich knüppeltrockenen Beat hinterlegt, kuschelte sich Jackson erfolgreich bei der damals zeitgenössischen schwarzen Musik an. Äußerlich auf dem Weg zum Alpinaweiß mittlerweile Milchkaffeebraun, gelangen ihm einige seiner besten Songs. Tanzen konnte er immer noch atemberaubend. Und In the Closet war wohl tatsächlich das letzte Video, in dem er wenigstens noch halbwegs als Mann durchging. Monatelang schlich ich um diese Platte herum, traute mich aber nicht, das Ding zur Kasse zu tragen. Auskoppelung folgte auf Auskoppelung und bei Ray Cokes Video auf Video. Erst als der ganze Hype vorbei war, schnappte ich auf dem Flohmarkt tatsächlich doch zu. Und ärgere mich heute noch, dass ich die DeLuxe-Version nicht erwarb, bei der sich das Cover in schwarzem Karton dreidimensional auffalten ließ. Kriegt man natürlich doof in den Plattenschrank, wäre heute aber ein Kleinod. Ich persönlich lege mich mal fest: Wenn man Heal the World, Will you be there und Gone too soon außer Acht lässt, bietet Dangerous bei insgesamt 14 Tracks die beste Bilanz seiner bisherigen Platten. Tja Kasbohm – Michael Jackson für Dangerous, anstatt für Thriller gut zu finden, soll mir erstmal einer nachmachen. 


Der Abend, der meine letzte Runde mit Jacko einläutete, begann (in Ermangelung einer noch geöffneten Videothek) vor dem Fernseher bei Wetten dass. Schon damals war die Sensationslüsternheit größer, als die Frage wie ein neues Stück von Jackson wohl klingen würde. Würde ihm vor versammelter Mannschaft die Nase abfallen? Oder würden laufende deutsche Kameras pikante Details einfangen können; vielleicht den Rand eines T-Shirt-Ärmels, so dass offensichtlich werden würde, dass sonst sorgsam verdeckte Körperteile noch schwarz wären? Zu Beginn des Auftrittes fühlte ich mich bestätigt. Jackson. Die Lusche. Kinderlied. Als er dann allerdings auf den Kran stieg, war ich ziemlich platt. Für meine Verteidigung gebe ich zu Protokoll, dass Gospel-Chöre immer wirksam sind, wenn man eine tiefe Liebe zum Soul in den Genen trägt. Ich kaufte mir History, aber nachdem ich das Booklet mit all den skurillen und höchst fragwürdigen Inhalten durchgeblättert hatte, war der Sack für mich zu. Ich gab auf und legte Jacko zu den Akten. Jahre später gab es für Invincible im Rolling Stone dann als Bewertung nicht nur lediglich EINEN von fünf Sternen (Rufmord), sondern obendrein mitten im Text eine Formulierung, die ich so nie wieder in diesem Magazin gelesen habe: »Alles Scheißdreck.« Und Arne Willander hatte damit auch noch vollkommen recht. Der hinlänglich bekannte Rest ist Entsetzen.


Nun also das Comeback. Denn auch wenn das geschmacklos klingen mag, ist das Ableben Michael Jacksons wohl kaum etwas Anderes als das. Der Beginn einer Phase, in der man sich wieder mit dem Künstler und seiner Kunst beschäftigt, selbst wenn man vor zwei Monaten, von purer Langeweile verzweifelt, noch eher eine Jamiroquai-Compilation erworben hätte, anstatt sich Bad zuzulegen. Heuer darf man ungehemmt und ungestraft in Erinnerungen schwelgen, Wanna be startin something (verdientermaßen) über den Klee loben und behaupten, sich nimmer negativ über den König der Populärmusik ausgelassen zu haben. Wie lange nach dem Ende einer desaströsen Liebe, verklärt die Zeit die Erinnerung. Es war nicht alles schlecht. Sogar vieles gut. Nur die Geschwindigkeit, mit der dies bei Michael Jackson vollzogen wurde, versaut ein wenig den Geschmack. Keine halbe Stunde nach dem letzten Schnaufer starb der Kindergrabscher und der King of Pop begann sein ewiges Leben. Sogar die schwarze Gemeinde vereinnahmt Jackson nun schamlos ohne Vorbehalt und Al Sharpton verleiht dem Verstorbenen den Titel des Wegbereiters für das erste schwarze Präsidialamt. Und so wird ein Individuum, welches sich zeitlebens von seinen Wurzeln zu befreien versucht hat, im Handstreich wieder auf den Boden der Community zurückgeholt, während sich Papa Jackson aus der Hinterlassenschaft Schmuck in Form goldener Schneeketten um den Hals hängt. Sowieso die Familie. Angesichts des Momentes, als Tochter Paris zur öffentlichen Trauerarbeit vors Mikro gezerrt wurde, drängt sich einem die Annahme auf, dass Jackson ein wenig froh war, in diesem Brotdosen-Sarg zu liegen und der Verwandtschaft entflohen zu sein. Jemand, der mit einem einzigen Kotelett in der Hand, mitten in der Wildnis vor einer Bande mies gelaunter Hyänen steht, wird sich möglicherweise noch eher gut aufgehoben fühlen. 


Was bleibt also? Auch wenn's keiner zugibt: Mitgemacht haben irgendwann doch alle wenigstens für fünf Minuten. Annähernd jeder Mensch auf dieser Kugel hat seinen persönlichen Michael-Jackson-Moment. (Ja, auch Sie da hinten in der letzten Reihe). Ich hatte sogar vor 8 Jahren nochmal einen, in Angies Nightclub auf der Reeperbahn, mit der höchst empfehlenswerten Maxi-Version von Billy Jean und einer wunderbaren Frau, die ein Kleid mit Schlangenmuster trug. Und wer weiß? Vielleicht wären die 50 Auftritte ja gar dem Fiasko ferner, als einem Triumph näher gewesen. Werden wir nie erfahren. Vielleicht auch gut so. Rest in peace.


Moonwalkend,

Ihr VDL

Mittwoch, 8. Juli 2009

Musterverkennung





Arbeit, Arbeit, Arbeit. Unzuverlässige Microsoft-Programme und der Gin ist bald alle. Kein Vergnügen. Da schreib ich doch hier mal ein paar kurze Worte ins viel zu lange vernachlässigte Blog. Erstmal um die Sache abzuschließen: Des Fleischhauers hab ich mich jetzt entledigt. Das Thema möge hiermit agbeschlossen sein. Nachzulesen in Konkret. Und seine Reaktion ist dann in seinem Blog zu lesen.

Was meine obskure Musik angeht: Wenn Sie die nicht kennen, dann lernen Sie sie doch kennen. Darum geht es doch. Sachen kennenzulernen, die man noch nicht kennt. Und zu meinen Farcebook-Charts: Die meisten Künstler, die darin auftauchen, hatte ich hier einigermaßen ausführlich beschrieben. Weil sie mir eine Herzensangelegenheit sind (Associates, Billy MacKenzie, Andy Pawlak etc). Und das ist es eben was Musik für mich ist: Ständiges Entdecken von Neuem, gerne auch altem Neuen. Und vor Allem eben eine Herzensangelegenheit. Und kein verkopftes Auswählen nach intellektuellen Gesichtspunkten. Musik muss mich packen. Ganz direkt und emotional. Wenn sie das nicht tut, dann bringt das schlauste Gedankengebäude drumrum nichts. Also nichts Gestelztes, kein Ins-Fäustchen-Lachen über Unwissenheit sondern das aufrichtige Anliegen, meine Begeisterung anderen zu vermitteln. Wenn man aber durch jahrelangen Konsum von seit 30 Jahren vergreisten Rockopis schon eine dicke Hornhaut auf den Ohren hat, dann ist das natürlich nicht mehr so einfach mit der musikalischen Offenheit. Und, wie Sie wissen, gibt es durchaus etliche Stones-Platten, die ich sehr schätze. Ich habe also gar nicht grundsätzlich was gegen Greise. Ich bin einfach ein Liebhaber (Diesen Satz bitte mit Barry-White-Stimme gesprochen vorstellen).

Das Tolle am Fettschreiben von Schlüsselwörtern ist ja, dass sie einem dann Halt geben in dieser haltlosen Welt. Und in unseren nicht immer ganz haltlosen Argumentationen. Doch das nur nebenbei. Northern Soul: Ein tolles Thema, da haben Sie vollkommen recht. Nur eines, das ich tatsächlich als weitgehend passiver Konsument genieße. Also, da können Sie mir Namen um die Ohren hauen, die mir überhaupt nichts sagen. Das war mir immer etwas zu spezialistenmäßig. Da hab ich immer lieber zu getanzt als mich durch Plattenkataloge zu fressen.

Kevin Costner und Dennis Quaid sind zwar zwei der langweiligsten aber sicher nicht der schlechtesten Schauspieler. Und ihre Version der Schiesserei am O.K. Corral ist, so erzählt man es sich auf der Straße, die historisch korrekteste Verfilmung. Und das ist ja auch mal ganz interessant. Was nun Original vs Synchronisation angeht: Ein entschiedenes Sowohl-als-auch von meiner Seite. Einerseits gibt es ganz hervorragende Synchronisationen und so manche Filme, deren deutsche Dialoge besser sind als die originalen. Und ich meine da jetzt gar nicht solche Extrembesipiele wie "Die 2", die im Original als "The Persuaders" eine durchaus lustige aber sehr konventionelle Krimiserie sind und auf deutsch zu einem aberwitzigen und manchmal recht tollen Fest der Albernheiten mutiert. Auch "Raumschiff Enterprise" ist auf Deutsch keinesfalls schlechter.

Oft fragt man sich aber auch, ob die Übersetzer überhaupt schon mal was von der englischen Sprache gehört haben. Oder von der deutschen. Weiss man leider nie vorher, an was für eine Übersetzung man da wohl gerät. Da denke ich meist: In Dubio pro Originalintention. Bei Büchern wie bei Filmen. Und ich denke, mein Englisch ist gut genug, dass mir nicht zu viele Feinheiten entgehen. Bei einer schlechten Übersetzung ist das anders (Ist aber auch ein Scheissjob, die Übersetzerei. Irrer Zeitdruck und Minimalbezahlung. Da fragt man sich, wie es überhaupt so fähige Übersetzer geben kann. Bernd Rüllkötter oder Thomas Schlachter fallen mir da ein. Die Übersetzen so gut, dass ich oft nicht mehr weiss, ob ich das Buch im Original oder in der Übersetzung gelesen habe).

Bei Filmen seh ich das so: Ein nicht unwesentlicher Teil der Schauspielkunst besteht ja auch im Sprechen. Ein Grund für mich, die meisten Filme im Original zu schauen. Und Filme mit Keanu Reaves grundsätzlich nur auf Deutsch. Der Mann kann überhaupt nicht sprechen. So wird er auf Deutsch gleich zu einem um Klassen besseren Schauspieler. Hut ab vor allen Guten. Sowohl Schauspielern als auch Übersetzern. Und Synchronsprechern.

Zum Schluss noch eine Buchempfehlung: Der neueste Roman von William Gibson, ein Autor mit dem ich bislang nie viel anfangen konnte, ist hervorragend. "Pattern Recognition" heisst der. Bzw. "Mustererkennung". Ich weiss nicht, wie gut die Übersetzung ist. Aber ein feiner Thriller ist das. Protagonistin ist eine Frau, die auf geradezu allergische körperliche Weise auf bestimmte Logos reagiert und so von Firmen und Agenturen konsultiert wird, die neue Logos testen wollen. Der Plot dreht sich um obskure Filme, die im Internet auftauchen, Leute die nach deren Urheber suchen, mit verschiedenen Intentionen, um Kunst und Geld, um Prinzipien und um Menschen, die für ihre Karriere über Leichen gehen. Also genau das Richtige für uns "Medienschaffende". Und natürlich näher dran als es einem lieb ist.

So. Das erstmal dazu. Und jetzt wieder zurück zur bezahlten Arbeit.

Cheerio,

Aka.

Dienstag, 23. Juni 2009

Klar verständlich.




Verehrter Kulturfreund Kasbohm!


Sollte bei Ihnen der Eindruck entstanden sein, ich würde Ihre Beiträge in diesem, unserem Block verkonsumieren wie ein Abschiedsbier in der Hasenschaukel (Zack! Zisch! Wiedersehn!), gehen Sie aber ganz gewaltig fehl. Ich lese jede Silbe und präge mir alles messerscharf ein. Manchmal mache ich mir sogar Notizen, drucke alles aus und hefte mir das Zeugs dann über meinen Nachttisch. Okay, nicht immer. Aber im Großen und Ganzen entspricht das der Wahrheit. Mit dem Lesen auf jeden Fall. Mit dem Verstehen schon weniger. Da brauchen Sie mir jetzt gar nicht mit rundfunkbildenden Künstlern wie ABC oder den wirklich schlimmen ZZ-Top ums Bein schnurren. Und mit Ol' Blue Eyes schon gar nicht, weil sich auf den ja gleichermaßen Swing-Afficionados wie auch Robbie-Williams-orientierte Sozialversicherungsfachangestellte einigen können. So leicht kommen Sie mir nicht aus den Fingern. 


Weitestgehend ahnungslos bin ich nämlich bei vielen Künstlern, Kapellen, Filmen und Heften, die Sie hier so gern in Eichhörnchenhafter Manier zusammensammeln und fettgedruckt aufzuführen belieben. Allein schon Ihre aktuell im Fratzenbuch veröffentlichten "Juniplatten"! Um wen, zum Henker, handelt es sich da? Das könnten auch die aktuellen Charts der Kapverdischen Inseln sein, Sie können mir ja viel erzählen! Und insgeheim lachen Sie sich ins Fäustchen über mich und die ganzen doofen Leser, die ohne Ahnung sind und Sie, Kasbohm, darum am Ende für total gespreizt und gestelzt halten. Ihnen gefällt das wohl, was? Dabei machen Sie Ihr Beck's doch auch mit dem Feuerzeug auf, wie alle anderen. Trotzdem – und das muss ich hier mal unumwunden zugeben: gegen Sie bin ich der Mainstream-Mann. Ein kultureller Passat-Fahrer. Und das sogar ohne ausdrückliche Erwähnung, dass es sich bei den Rolling Stones noch immer um meine fast unangefochtene Lieblings-Combo handelt. Sie sind mir einfach eine Nummer zu groß, Kasbohm. Ich komm da nicht mehr mit. Wenn wir unsere Leser im Schulterschluss überfordern wollen, müssen wir uns schon woanders treffen. Auf der Sixties-Soul-Tanzfläche vielleicht. Dort kann ich nämlich auch mal ganz ganz anders! Wenn ich mein Weekender-Täschchen öffne! Blass werden Sie da. Vielleicht. 


Aber Apropos Stones! (Näher will ich gar nicht auf die Oppas zu sprechen kommen, weil ich mit dieser Band viele nette Menschen gequält und vergrault habe und daher seit geraumen Jahren ein themenbezogenes Schweigegelübde einhalte. An dieser Stelle noch einmal an alle Geschädigten: Entschuldigung. Schadenersatzansprüche richten Sie bitte an Allen Klein, ABKCO Records, London.) Wo war ich? Ach ja. Verwunderlich, aber trotz meiner musikalischen Leidenschaft für die geriatrische Abteilung des Rock'n'Roll ist mir der Blues genauso verhasst wie Ihnen, Kasbohm. Es gibt wohl auf der ganzen weiten Welt nichts Langweiligeres als Blues. Dressurreiten vielleicht, aber ich mag mich da nicht festlegen. Der Blues ist das Eisstockschießen der Musik. Und jetzt fragen Sie mich gleich, warum ich bei facebook in diesem Monat dann den Clapton und den Winwood, mit ihrem Betriebsausflug in den Madison Square Garden, unter meinen favorisierten Fünf aufgeführt habe. Sehen Sie – das frage ich mich jetzt auch. Kann eigentlich nur am Winwood liegen, der sich schon vor über 25 Jahren in meinen Plattenschrank geschlichen und mich später mit Back in the High Life über meinen ersten, richtig fiesen Liebeskummer gerettet hat. (Ja, Barbara – DEINETWEGEN!) Sowas verpflichtet natürlich. Und deckt selbst über so manchen Fehltritt des stillen Orgelspielers meinen dicken, schallschluckenden Mantel des Schweigens. 


Natürlich haben Sie übrigens vollkommen recht, was das Abnutzen der Sinne betrifft. Bestimmt zählen Sie ja auch richtigerweise Contact zu den Science-Fiction-Filmen. Eine perfekte Parabel über den Atheismus – dennoch werden viele Kinobesucher enttäuscht gewesen sein, als Jodie Foster auf dem Planeten Wega nicht auf schleimige Körperfresser stieß, sondern auf einen Außerirdischen, der sich schnöde als ihr Papi verkleidet hatte. Sie sehen – man kann es nicht allen Leuten recht machen. Und was den Western anbelangt: da hat sich das phasenweise arg schwächelnde Genre tatsächlich selbst am Lasso aus dem Treibsand gezogen. Man kann zu Kevin Costner stehen wie man will, aber für Silverado, Wyatt Earp und Open Range kann man sich nur bedanken. (Wie auch bei Dennis Quaid in seiner Rolle als schwindsüchtiger Doc Holliday.) Eine ehrliche Schießerei im Staub ist mir persönlich jedenfalls immer noch zehnmal lieber, als jeder schwedische Schnee-Schocker. Oder amerikanische Pulp-Bill-Kill-Fiction-Episodenstreifen mit O-Ton und diesem buckeligen "Musst-du-gesehen-haben!-Faktor". Erstens: Ich muss gar nix. Zweitens: Warum soll ich mir die "echten" Doc Martin DVDs über zwielichtige Mittelsmänner umständlich in England besorgen, wenn Axel Milberg den Doktor Martin hierzulande in Neuharlingersiel ganz vorzüglich verkörpert? Und vor allem: auf deutsch. Eben. Ehe Sie sich nun aber Sorgen machen – meine Sinne sind noch nicht so abgewetzt, dass ich mir nicht durchaus das eine oder andere Filmchen im Ursprungszustand zu Gemüte führe. Aber warum muss es eigentlich immer das verdammte Abaton sein, wo sich die ganzen Hipster mit Oh-Tee verlustieren (und die Hälfte der Anwesenden sowieso nur die groben Zusammenhänge versteht)? Was ist so falsch an den Vorzügen der Synchronisation? Wer sich schon mal für längere Zeit in Skandinavien aufgehalten hat, wo das Geld der Fernsehsender in Milchkühe investiert wird und wo man jeden verdammten Popcornkinofilm in breitestem Minnesota-Idiom genießen muss, denkt da anders. Oder Bücher! Anstatt den Volkshochschulen einen wirtschaftlichen Aufschwung in der Sparte "Sprachkurs für Fortgeschrittene" zu bescheren, geben die Leute ihre hart verdienten und mit dem Bundesadler bedruckten Euros aus und quälen sich durch englische Originalausgaben. In Zeiten, in denen Harry Rowohlt gottlob noch zur arbeitenden Bevölkerung gehört. Versteh ich nicht. Wirklich erfrischend ist die Anderssprachigkeit für mich persönlich nur in einem einzigen Fall: bei Rambo. Auf türkisch. Ich sage Ihnen: das MÜSSEN Sie gesehen haben!


Güle Güle, Kasbohm'lerde!

VDL


  

Freitag, 12. Juni 2009

Alltag & Drama


Mein lieber VDL,

Sie müssen mir aber schon zuhören, ja? Sie bemerkten zwar, vollkommen zu Recht, dass ich kein elitärer Spinner bin, der nur Avantgarde und obskure Bands hört, die 1968 mal eine Single veröffentlicht haben, von der dann nur 5 Stück verkauft wurden. Es gibt kaum einen Stil den ich nicht höre und wenn viele andere diese Musik auch hören, dann habe ich überhaupt kein Problem damit. Gebt mir die Pet Shop Boys, gebt mir ABC, gebt mir Steely Dan und Frank Sinatra, gebt mir von mir aus auch ab und an mal ZZ Top. Gebt mir aber auch Andy Pawlak, Bobbie Hutcherson und die Wild Swans. Gebt mir Fleetwood Mac. Aber gebt mir bitte niemals, niemals Blues. Davon wachsen einem nämlich Jeansjacke und ein grauer Zopf. Und eh man sich versieht, sieht man so aus wie Kuno von HH1. Niemals habe ich die Peter-Green-Phase von Fleetwood Mac über die Nicks/Buckingham-Phase gestellt. Ganz im Gegenteil und hiermit noch einmal zu Protokoll: Tusk und Rumors sind tolle Platten und aus der Green-Phase würde ich vermutlich bei keiner Platte bis zur Hälfte von Seite eins kommen.

Was ich gelobt habe und nicht müde werde weiter zu loben sind die Platten dazwischen. Ganz genau die vier, die direkt vor Buckingham/Nicks aufgenommen wurden. Das sind Pop-Platten reinsten Wassers: sehr amerikanisch, sehr groovy. Und die werden überhaupt nicht beachtet. Denn es gibt eben nur die Fans der Spätphase und die Blueskunos, die nur die Peter-Green-Sachen hören. Ich sage: Stellt euch mal dazwischen. Setzt euch zwischen die Stühle. Am besten auf ein schön weiches Flokati-Kissen (gibt es sowas eigentlich? Wenn nicht: Sofort aus dem alten Teppich basteln: Ein Flokati-Sitzkissen für den Platz zwischen den Stühlen).

Und das mit dem Lesen üben wir dann auch gleich nochmal: In der Art von Science Fiction von der ich sprach kommen eben keine Lichtschwerter vor (Nichts gegen "Star Wars", ich liebe die ersten zweieinhalb Filme. Aber strenggenommen ist das auch kein Science Fiction sondern eher Weltraum-Fantasy) sondern verfallene Straßenzüge, moralisch oder finanziell ruinierte Menschen. Paranoia und Realitätsverschiebungen. Eben wie guter SF in aller Regel ist: Eine Parabel auf Strömungen der Zeit, in der er entstanden ist. Und kein Geballer im Weltraum. Da versuch ich mal mit Klischees aufzuräumen und sie kommen mir daraufhin mit genau denen. So geht das aber nicht! Denken Sie mal eher an „Blade Runner“, David Cronenberg oder „Solaris“ als an „Star Wars“ oder „Dune“.

Aber ich verstehe ja die Abnutzung der Sinne. Geht mir ja nicht anders. Wenn man sich den ganzen Tag den Schwachsinn anhören und anschauen muss, den andere Menschen so verzapfen, dann wird halt ein Sinneszentrum nach dem anderen geschlossen. Und, weil ich ja ein krankhafter Versöhnler und Harmoniemensch bin: Western? Jederzeit! Auch die Machoverherrlichungswestern, gar kein Problem. Am liebsten sind mir aber seit einiger Zeit tatsächlich die guten Italowestern, also vor allem die mit Clint Eastwood. Da gibt es keine sauberen Helden, keine gute Sache sondern nur Typen mit unterschiedlichen Graden von Kaputtheit und Korruption. Das gefällt mir. Ist wie im Leben. „The Good, The Bad & The Ugly“ bleibt unerreicht.

Die nächste Woche muss ich dann mit Planung und Ausführung meiner Reise zum großartigen Künstler Daniel Spoerri ind Österreich verbringen, der seit über 40 Jahren die tollsten Sachen macht. Und ein großes Faible fürs Essen hat. Bei ihm sollte ich also eigentlich gut aufgehoben sein. Ein längerer Text über den Profilneurotiker Jan Fleischhauer erscheint dann in der Juli-Ausgabe von Konkret. Damit hab ich mich dann abreagiert und werde mich nicht weiter mit ihm und seinen langweiligen, schlecht argumentierten und paranoiden Texten beschäftigen.

Bis dahin höre ich noch einmal die Höhepunkte des Schaffens der Associates durch. Völlig wahnsinniger, hysterischer, dramatischer Weirdo-New-Wave. Billy Mackenzie und Alan Rankine, die beiden Associates der Frühzeit, hatten sich, so erzählt man sich auf der Straße, bei den Aufnahmen zum Meisterwerk „Sulk“ an manchen Tagen volle Teetatassen an den Kopf gebunden an anderen mussten alle beteiligten Musiker mit einem ans Revers gehefteten Fisch im Studio erscheinen um den Vibe zu bekommen. Weiterhin wurde ausprobiert, wie ein Schlagzeug wohl klingt, wenn man es mit Wasser füllt (es geht kaputt) oder wie sich Urin auf die Klangeigenschaften eine Guitarre auswirkt. Die beste Weise, mit dem Vorschuss der Plattenfirma umzugehen, würde ich sagen (vielleicht neben der damals beliebten Ansage „Das können wir so nur in den Compass-Point-Studios auf den Bahamas aufnehmen“). Das waren noch Musiker, wie es sie heute nicht mehr gibt. Und Sänger Mackenzie gibt es leider tatsächlich seit 1997 nicht mehr, da er merkte, dass er und diese Welt wohl keine Freunde mehr werden. Nach seinem Tod erschien dann „Transmission Impossible“ eine Sammlung immer noch leicht dramatischer aber völlig unhysterischer Torch-Songs, meist nur von Klavier und Guitarre begleitet. Eine wunderbare, Stilsichere Platte. Vermutlich nicht hundertprozentig Ihr Ding, alter Rocker aber mir doch wert einen Absatz lang zu schwärmen.

Ich werde mich jetzt weiter erstklassigem Eskapismus widmen und wünsche recht vergnügte Tage. Bei mir stehen jetzt die Aliens vor der Tür. Und ich fürchte sie sehen so aus wie in „Louis und seine ausserirdischen Kohlköpfe“.

blululululu,

Aka

Samstag, 6. Juni 2009

Harte Schale.


Werter Wanderfreund Kasbohm!


Da haben Sie thementechnisch ja mehr Fässer geöffnet, als die CSU beim Starkbieranstich! Vor allem haben Sie sich im Antonipark mit Glück einige der durchaus raren Sommertage im Freien gesichert, die uns Hanseaten quartalsmäßig zugebilligt werden. Gerade heute kommt einem der Junianfang schon wieder wie der Beginn des Septembers vor. Seit ich die schwäbische Idylle zwischen Kehrwoche und einem Viertele Lemberger gegen die hanseatische Rotklinker-Seele eingetauscht habe, werde ich sowieso mehr und mehr zum Wetterneurotiker. Kaum dass man sich die Glatze ein einziges Mal von der Mittagssonne hat toasten lassen, greift man schon wieder zur Strickjacke und glaubt, den Sommer bereits erfolgreich absolviert zu haben. Kommt ja keiner aus dem grauen Regen daher, klingelt an der Tür und sagt einem, dass der Herbst noch eine ganze Jahreszeit entfernt liegt. Fortgezogene Beach-Clubs, Ballerinas mit Söckchen anstatt hübsche Riemchenschuhe bei der Damenwelt. Und wenn ich mit meinem britischen Geländeautomobil an der Kreuzung stehe, kann ich aus luftiger Höhe genau sehen, dass in so manchem geöffneten Kabriolett ein bestimmter Schalter rot in der Konsole leuchtet: Sitzheizung an. Das ist er, der Hamburger Sommer. Muschitoaster, gefütterte T-Shirts, beschlagene Sonnenbrillen. Da kann der Kachelmann noch so viel erzählen, von wegen Hiddensee und launigster Wetterregion Deutschlands. Solange der Klimawandel hier im Norden nicht endlich mal nachhaltig für eine Besserung meiner seit 8 Jahren anhaltenden Winterdepression sorgt, sprühe ich meine Lederschuhe auch weiterhin auf der Terrasse mit diesem Giftzeugs gegen Straßenschlamm ein. Obwohl ich eher Turnschuhe tragen müsste. Ich mach ja was mit Medien. Apropos: seit wann haben Sie es denn auf die Apple-usenden Retro-Adidassler und Freitagtaschenträger abgesehen? Hat Ihnen einer von denen beim Portugiesen den letzten Galao vor der Nase weggesoffen? 


Dass Sie Uncle Tupelo den Wilcos vorziehen, hätte ich mir ja denken können. Wenn man mit Ihnen die Vorzüge von Rumours oder Tusk diskutieren will, kommen Sie einem binnen Minuten ja auch mit dem geschwurbelten Blues-Gedröhne aus dem Frühwerk um Peter Green's Fleetwood Mac. Dennoch muss ich Sie jetzt mal unter meinen Regenmantel nehmen Kasbohm, denn dort draußen gibt es unter den drei Lesern dieses Blogs bestimmt zwei, die Sie jetzt für ungeheuer gespreizt und gestelzt halten, weil Sie dem Mainstream scheinbar schon eine Schelle verpassen, bevor er sich überhaupt drohend vor Ihnen aufgebaut hat. Immer dagegen, immer anders sein. Nein, liebe Menschen, der Kasbohm tut nur so. Der hört auch Blondie und wenn er Blondie hört, dann auch Denise und sogar das tolle Heart of Glass. Sozusagen ein Jarvis Cocker für Kneipenbesucher. Ein lieber Kerl. So. Das musste jetzt mal gesagt werden Kasbohm, schließlich liegen wir hier literarisch in einem Bettchen. Aber immer noch mit Besucherritze! Denn geradezu putzig ist nämlich die Parallelität, die Sie mir zwischen Laserschwertern und dem Sein und Nichtsein des Lebens argumentativ unterjubeln, ja in die Tasche schummeln wollen. Keine Chance. Verkriechen Sie sich zurück auf Ihren Todesstern, Darth Kasbohm: ich bleibe ehrlicher Western-Fan. Schließlich haben John Wayne und Clint Eastwood der Worte über den Sinn des Lebens genug verloren. (»Wer zum Sterben noch keine Lust hat, macht dass er hier rauskommt.«) 


Aktuell noch einmal reflektierend auf diese Europa-Kiste: Ich will ja gar nicht als Kontraeuropäer dastehen. Deshalb aus gegebenem Anlass: Einen Aufenthalt (auch mehrwöchig mit Ayurveda-Wellness-Clubhotel) in den USA, Ozeanien oder Fernost können Sie mir schenken, Kasbohm. Oder aber auch gerne für sich behalten. So lange ich Budapest, Lissabon, Rom, Korfu und Palermo noch nicht gesehen habe, werde ich mir weder Sydney noch Minneapolis oder Saigon aus der Nähe anschauen. Ohnehin hat ein weitgereister Freund von mir die Australier mal als Amerikaner des Südpazifiks bezeichnet. Also müsste man da nur wegen der Kängurus hin und die hopsen auch durch Hagenbecks Tierpark. Außerdem brennt's da nicht alle Nase lang. Weil's ja immer nieselt. 


Ja, das war ein rechter Hölzchen-zu-Stöckchen-Beitrag heute, aber ich fürchte das liegt ganz einfach daran, dass ich durch die Bundesligafreie Zeit einer Daseinskrücke beraubt bin und meine Gedanken darum ziel- und haltlos durch die Lüfte huschen. Fußball ist aber eine ganz andere Kiste und die mache ich erst demnächst wieder auf. Sie sehen Kasbohm: Sie haben sich mit einem dem Feingeist weit entfernten, einfältigen Holzhobler eingelassen. Demnächst quatschen wir hier noch über Weiber, Schnauzbärte und die Abseitsfalle. Warten Sie bloß ab! Oder um es mit Jarvis Cocker zu sagen: 


I never said I was deep / But I am profoundly shallow / My lack of knowledge is vast and my horizons are narrow.


Entschuldigen Sie mich nun. In der Glotze läuft Der Teufelshauptmann von John Ford. 


Peng, Peng!

Ihr Marshall VDL

Montag, 1. Juni 2009

Zukunftsmusiken und Vergangenheitsmusiken


So, nachdem ich den Vormittag zur Auffrischung meines Sonnenbrands im Antonipark verbracht habe, kann ich mich jetzt auch mal wieder hinter zugezogenen Vorhängen an den Rechner setzen. Der Antonipark ist eine feine Einrichtung: Mal kann man sich über die Medienspacken aufregen (z.B. die Dame, die neulich mit einem Hund bewaffnet die Menschenliegewiese betrat, da sie offenbar die Menschenwiese und die wenige Meter entfernte Hundewiese nicht voneinander zu unterscheiden vermag. Bekleidet war sie mit einer kurzen Jeans, einem Bikinioberteil, weil es ja warm war, und einem schweren Hut- Mützenhybrid, weil sie trotz der Hitze sehr angestrengt demonstrieren musste, dass sie sich für irre interessant und unkonventionell hält. Was sie noch dadurch unterstrich, dass sie die ganze Zeit in überhöhter Lautstärke aus ihrem sogenannten Leben erzählte, während ihre Töle die Wiese verheerte. Da war ich doch kurz davor, sie mit der getrockneten Hundescheisse zu bewerfen, die ich unweit meiner Lagerstätte fand) mal über die alteingesessenen (in more than one way) Alkoholiker freuen, die sich von dem Yuppiegesocks nicht vertreiben lassen. Und die dafür sorgen, dass der Park tatsächlich immer ausgesprochen sauber ist und niemand aus der Reihe tanzt. Die haben da so eine Art Hausmeisterfunktion. Das gefällt mir.

Wilco sind tatsächlich eine recht feine Band, auch wenn sie mir nicht den finalen Kick versetzt haben. Ich mochte ja die Vorgängerband Uncle Tupelo immer lieber, insbesondere das wundervolle Country-Folk-Album „March 16-20, 1992“. Bei Uncle Tupelo gab es ja neben dem Beatles-Traditionalisten Jeff Tweedy auch noch den Folk-Traditionalisten Jay Ferrar. Dessen Solowerke und die seiner Band Son Volt sind mir dann doch etwas näher als die Tweedys, aber doch, auch die wissen zu gefallen. Vielleicht ein etwas zu gefälliges Gefallen, aber doch gefallend genug, um von mir gleich mal wieder herausgekramt zu werden.

Noch besser gefällt mir in diesen sonnigen Tagen aber die sehr englische Eleganz der sagenhaften Pale Fountains. Sie wissen schon, Herr VDL, mein Lieblingsthema: Aufbegehren mit Eleganz. Da liegt Herr Bacharach in Hawaii-Badehose mit den Smiths in der Sonne und sogar der junge Morrissey erfreut sich an den Kleinigkeiten des Lebens. So in etwa. An Eleganz und Intelligenz in der heutigen Popszene unübertroffen sind aber, es tut mir Leid, immer noch die Pet Shop Boys, wie ich nach Ansicht der Doku „A Life In Pop“ noch einmal betonen muss. Das sind ja nicht nur erstklassige Songschmiede im konservativen Sinne, sonder auch noch angenehme unprätentiöse Typen, die dazu noch mit ausreichend Selbstdistanz wissen, was sie da tun. Beides Seltenheiten in der Branche, sag ich mal. Da überlegt man sich ja schon allein aus Stilgründen zur Homosexualität zu konvertieren. Wenn wir Männer nur nicht so verdammt unattraktiv wären.

Den Vormittag im Park verbrachte ich zur Hälfte mit der Lektüre des ersten Bandes der gesammelten Kurzgeschichten von Philip K. Dick, die letztes Jahr endlich gebündelt bei Zweitausendeins erschienen und zur anderen Hälfte darüber grübelnd, warum Science Fiction einen derart schlechten Ruf hat. Schon bei der Erwähnung des Genres stopfen sich ja viele die Zeigefinger tief in die Ohren und fangen an Kinderlieder zu singen, um nicht weiter zuhören zu müssen. Irgendwie scheinen sich die Klischees aus Großvaters Groschenheften genetisch zu vererben. Laserschlachten, mutige Captains, Raumschiffe etc. Dabei sind die guten SF geschichten ja immer Parabeln auf die Zeit in der sie entstanden sind. Und gerade Dick hat die bedrückendsten, paranoidesten Dystopien über die Frage „Was ist wirklich?“ geschrieben und ist damit nicht „ein großer SF-Autor“ sondern einer der größten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Right up there mit Thomas Pynchon, Don DeLillo etc. Und auch der kürzlich verstorbene und von mir erst im Zuge dessen entdeckte Brite JG Ballard („Crash“) ist ein hellsichtiger Chronist seiner zeit und der Abgründe des menschlichen Wesens im Allgemeinen. Und dazu im Umgang mit Worten geradezu ein Poet. Da hat alles Farbe, Rhythmus und Präzision. Und keine Raumschiffe sondern langsam verfallende Sozialgefüge in Luxusapartments bis die marodierenden Mietparteien anfangen sich gegenseitig zu kannibalisieren, Sex, Tod, und Verstümmelung. Und was will man mehr von seiner Strandlektüre.

Aber apropos Mietparteien: Sie haben natürlich vollkommen recht. Sollte dieses Europa möglichst weit entfernt lieben, dann würd ich die auch alle dahinschicken. Ich würd aufstehen, mein Kreuzchen machen und am Flughafen noch winken während die abbezahlten Parteienfunktionäre den Flieger gen Europa besteigen. Und wenn ich Zeit hätte, würd ich ihnen vielleicht noch eine kleine Überraschung in den Gepäckraum legen. Ich bin ja gar nicht so.

Samstag, 30. Mai 2009

Politisch korrekt.


Lieber Parteifreund Kasbohm!


Dass Sie mir nicht politikverdrossen werden, bei den ganzen Tiraden des Geifers, die Sie da loslassen. Dem Herzen nach immer noch ein Sozi, folge ich Ihnen inhaltlich dennoch in so manche Ecke und wüsste aber in der Tat nicht, wem ich nach Europa folgen sollte. Wo liegt eigentlich dieses Europa? Ich fühl mich eher, als würde ich immer noch in Hamburg wohnen und in Katalonien Urlaub machen. Und wenn ich mir die Wahlwerbung so anschaue, möchte ich sowieso, dass die Christliche Mitte, die Rentnerpartei und die Nazis nach Europa gehen, solange das nur hübsch weit weg ist. Das mag jetzt politisch (und kosmopolitisch vor allem!) nicht ganz einwandfrei von mir sein, aber das kratzt mich nur mäßig. Ich sag Ihnen nämlich jetzt, was politisch korrekt ist, Kasbohm: das neue Wilco-Album! Obwohl es das ja eigentlich noch gar nicht gibt! Und da, ja genau da hoppelt der Hase durch den Pfeffer. Eine tolle Geschichte ist das. Krallen Sie sich mal in Ihrer Sofalehne fest!


Nicht genug nämlich, dass diese Kapelle aus Chicago ohnehin ganz einfach feine Musik macht. Nee – da hat irgendein Schmutzfuß doch glatt eins der Bänder aus dem Studio gemopst und im Internet geleakt, wie das so schön neuenglisch heißt. Also allen geneigten Datendieben zugänglich gemacht, obwohl das echt politisch inkorrekt und auch irgendwie fies ist. Studiomieten, Produktion, Catering, Schampus für die Groupies: das kostet doch alles ordentlich Schotter! Welches die armen Wilcos mit den Plattenverkäufen mühsam abstottern müssen! Und dann kommt einfach so ein Frettchen daher und versaut denen den Kontostand. Schande über den Wicht! In den See! Mit einem Gewicht an den Füßen! Oder besser: zu den Schweinen! Und ein gemeinsames Taschentuch verwenden!


Das Tolle an der ganzen Geschichte ist jedoch, dass das Wilco (sie leben hoch!) alles gar nix ausgemacht hat. Denn die haben einfach kurzerhand das komplette Album zum Anhören auf ihre Website geknallt und einen Aufruf dazu gestartet: Dass nämlich jeder, der sich die Platte vorher unerlaubterweise und strafbar aus dem Internetz gesogen hat, doch bitte Buße tun und an die wohltätige »The Inspiration Corporation« spenden möge. Das hat Wilco den Leuten noch nicht einmal vollkommen gerechtfertigt befohlen, sondern lediglich "empfohlen". Und jetzt kommen Sie! So viel Appell an das Gewissen macht doch sprachlos, Kasbohm, nicht wahr? Da freut man sich doch! Die Welt ist wirklich sonnig an manchen Stellen.


Weil ich ja nicht so der Hipster mit dem heißesten Scheiß bin und dem Trend unfehlbar einige Meter hinterher hoppele, bemerkte ich die ganze Geschichte erst, als ich die Online-Ausgabe des Rolling Stone las. Derart neugierig gemacht, begab ich mich sofort auf die Wilco-Webpräsenz und ließ die neue, Ende Juni erscheinende Platte in voller Länge über meine furnierten Schreibtischboxen laufen. Und siehe – für ein paar Sekunden beschlich mich doch tatsächlich Verständnis für die Interneträuber. Denn so wahr ich hier tippe, ist das neue, schlicht als "(The Album)" betitelte Wilco-Werk ganz einfach so was von brillant und scheißschön, dass man sich sofort eine Bit-Torrent-Software laden will. Elf Stücke voller Anmut, Ideenreichtum, fabelhafter Instrumentierung und sommerlicher Wonne. Ich habe schwer mit mir gehadert, mich aber dann doch wegen meiner schändlichen Gedankengänge in die Ecke geschämt, den Erscheinungstermin in meinem Kalender dick rot angemalt und mich mit einer Erdnussflipstüte zum Warten hingesetzt. Am 26. Juni werde ich wieder aufstehen und mit Druckgeschwüren am Arsch in den Plattenladen meines Vertrauens gehen. Und allen anderen geneigten Menschen, ja auch Ihnen Kasbohm, empfehle ich das Gleiche. Sie müssen ja keine Flips essen. Chips oder Zwiebelringe gehen auch. Sowieso muss man diese Platte besitzen, denn auf dem Cover befindet sich ein Kamel mit einem drolligen Partyhütchen auf dem Kopf. Wenn das nichts ist!


Reinhören kann man in die neue Scheibe jetzt allerdings nicht mehr. Was indes nichts damit zu tun hat, dass Jeff Tweedy und seine Truppe die Gier auf das neue Album befeuern wollen, sondern einfach damit, dass das ehemalige Wilco-Mitglied Jay Bennett im Alter von gerade mal lächerlichen 45 Jahren verstorben ist. R.I.P. Dort, wo vorher der Stream lief, steht jetzt eine Nachricht der Kondolenz. Besonders erstaunlich: Erst vor einem Monat hat Bennett Jeff Tweedy noch wegen Vertragsbruches aufgrund unterlassener Urheberrechtszahlungen verklagt. Das ist jetzt alles nicht mehr nur einfach politisch korrekt, sondern sogar wirklich edel und gut. Vielleicht sollte man in Berlin mal Wilco-Platten verteilen. Obwohl... vielleicht ist es doch besser, wenn Frau Merkel weiterhin die Puhdys hört. 


Vergebung übrigens für meine lange Abstinenz, Kasbohm. Ein Hexenschuss ist kein Geschenk. Aber ich spreche über Farbe zu einem Blinden. Denn da kommen Sie erst noch hin, Sie Jungspund. 


Ihnen schöne Pfingsten. Möge der Geist der Völkerverständigung mit Ihnen sein. Herzlichst, Ihr oller Sack

VDL



Montag, 18. Mai 2009

Sozialdemokratie überwinden

Werter Freiherr van der Louw,

Mit "Der Kapitalismus muss überwunden werden" ist es für mich ja wie mit "alle Raben sind schwarz". Selbstverständlich vollkommen richtig aber eine absolute Binse, deren Äußerung keinen Erkenntnisgewinn bringt. Das Problem bei Lafontaine ist ja nicht, dass er den Kapitalismus überwinden möchte, sondern, dass er es eigentlich nämlich doch nicht so richtig möchte. Schließlich ist er ja Sozialdemokrat. Und was haben die Sozialdemokraten gemacht, als die Matrosen nach dem ersten Weltkrieg gegen das System sich erhoben? Genau - sie haben die faschistischen Freikorps gerufen um den Aufstand im Blut der Matrosen zu ertränken auf deren Seite die Sozialdemokraten immer behauptet hatten zu stehen. (Lafontaine ist zudem natürlich ein vollkommener Wirrkopf und geradezu pathologischer Antisemit. Deshalb hat er ja auch etliche Fans, die eher braun als rot sind.)

Wenn es drauf ankommt - und das war bei Schröder wie es bei Stresemann war - haben Sozialdemokraten nie etwas besseres zu tun als im Sinne der bestehenden Ordnung - und der Nutznießer dieser Ordnung - mit aller Gewalt durchzugreifen. Seien die Nutznießer der bestehenden Ordnung nun der Kaiser und der Erbadel oder die nichtsteuerzahlenden Großunternehmen und der "Geldadel". Mit tösender Rethorik geben sie vor, der Anwalt der unteren Gesellschaftsschichten zu sein nur um diesen Menschen dann wieder lachend eins über den Kopf zu ziehen. Weil die ja doch nicht lernen und jedes Mal wieder SPD wählen. Das ist so eine Art sadomasochistische Zweckverbindung.

Helmut Kohl und HD Genscher hätten doch niemals Harz IV einführen und den Balkan per Einmarsch der "Friedenstruppen" weiter destabilisieren können. Damit wären die niemals durchgekommen. Als moralische Rechtfertigung brauchte es dazu den "kleinen Mann" Schröder und den "Friedensaktivisten" Fischer. Wobei letzterer ja in bester rechtskonservativer Feuilletonistenmanier versuchte die deutsche Geschichte gleich mit zu entsorgen, in dem er behauptete Milosevic sei der neue Hitler etc pp. Und dazu der fanatische getriebene Rudolf Scharping der, der Lügen aus der Propagandakiste verbreitete wie man sie seit dem ersten Weltkrieg durch Aufklärung für vergessen hielt (Fötengrill, Hufeisenplan etc). Nur damit die eine Seite dämonisiert wird und man dann auf der Seite der Anderen, der "Guten", gegen die bösen (Balkan-Hitler (Jetzt kämpfen wir Deutschen endlich auch gegen Hitler)) in den Krieg ziehen konnte.

Und was die "Sozialreform" angeht: Dass das Proletariat von heute, im marxschen Sinne, eben nicht mehr nur die Hafenarbeiter und Maurer sind, die es ja eh kaum noch gibt, sondern eben wir alle, seien wir nun Schreiber, Architekten oder Informatiker oder was auch immer, das dürften mittlerweile genug von uns am eigenen Leib und Portemonnaie erfahren haben.

Ächz. Da könnt ich mich ja glatt in Rage reden. Aber am Ende läuft das alles auf den Satz der Matrosen von 1920 hinaus: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!". Und mehr Wörter muss man über die auch nicht verlieren.

Also, und da schließe ich mich Ihnen rückhaltlos an, Herr van der Louw, Es gibt sehr viele schöne Dinge, die man aus Papier machen. Hütchen, Papierflieger, Notizzettel etc. Alles schöne Sachen, die man mit den Wahlunterlagen machen kann. Wer aus ästhetischen oder sonstwelchen Gründen darüber abstimmen möchte, ob die Vorgaben des DIHT künftig von einer der einen oder anderen Person umgesetzt werden, der soll von mir aus in Gottes Namen zur Wahl gehen. Ich leiste meinen politischen Beitrag durch meine Arbeit und habe ansonsten besseres zu tun als Beihilfe zu leisten.

Und nächstes Mal gibts dann wieder heitere Alltagsbeobachtungen aus Wald und Flur oder einen weiteren Fleischbehau oder ich hol mal ne schöne Platte aus meinem Regal und schreib 10.000 Zeichen dazu. Das macht nämlich mehr Spaß. Sonst kommt man so verbittert rüber. Aber es gibt ja diese Ragethemen. Was soll man machen?