Samstag, 6. Juni 2009

Harte Schale.


Werter Wanderfreund Kasbohm!


Da haben Sie thementechnisch ja mehr Fässer geöffnet, als die CSU beim Starkbieranstich! Vor allem haben Sie sich im Antonipark mit Glück einige der durchaus raren Sommertage im Freien gesichert, die uns Hanseaten quartalsmäßig zugebilligt werden. Gerade heute kommt einem der Junianfang schon wieder wie der Beginn des Septembers vor. Seit ich die schwäbische Idylle zwischen Kehrwoche und einem Viertele Lemberger gegen die hanseatische Rotklinker-Seele eingetauscht habe, werde ich sowieso mehr und mehr zum Wetterneurotiker. Kaum dass man sich die Glatze ein einziges Mal von der Mittagssonne hat toasten lassen, greift man schon wieder zur Strickjacke und glaubt, den Sommer bereits erfolgreich absolviert zu haben. Kommt ja keiner aus dem grauen Regen daher, klingelt an der Tür und sagt einem, dass der Herbst noch eine ganze Jahreszeit entfernt liegt. Fortgezogene Beach-Clubs, Ballerinas mit Söckchen anstatt hübsche Riemchenschuhe bei der Damenwelt. Und wenn ich mit meinem britischen Geländeautomobil an der Kreuzung stehe, kann ich aus luftiger Höhe genau sehen, dass in so manchem geöffneten Kabriolett ein bestimmter Schalter rot in der Konsole leuchtet: Sitzheizung an. Das ist er, der Hamburger Sommer. Muschitoaster, gefütterte T-Shirts, beschlagene Sonnenbrillen. Da kann der Kachelmann noch so viel erzählen, von wegen Hiddensee und launigster Wetterregion Deutschlands. Solange der Klimawandel hier im Norden nicht endlich mal nachhaltig für eine Besserung meiner seit 8 Jahren anhaltenden Winterdepression sorgt, sprühe ich meine Lederschuhe auch weiterhin auf der Terrasse mit diesem Giftzeugs gegen Straßenschlamm ein. Obwohl ich eher Turnschuhe tragen müsste. Ich mach ja was mit Medien. Apropos: seit wann haben Sie es denn auf die Apple-usenden Retro-Adidassler und Freitagtaschenträger abgesehen? Hat Ihnen einer von denen beim Portugiesen den letzten Galao vor der Nase weggesoffen? 


Dass Sie Uncle Tupelo den Wilcos vorziehen, hätte ich mir ja denken können. Wenn man mit Ihnen die Vorzüge von Rumours oder Tusk diskutieren will, kommen Sie einem binnen Minuten ja auch mit dem geschwurbelten Blues-Gedröhne aus dem Frühwerk um Peter Green's Fleetwood Mac. Dennoch muss ich Sie jetzt mal unter meinen Regenmantel nehmen Kasbohm, denn dort draußen gibt es unter den drei Lesern dieses Blogs bestimmt zwei, die Sie jetzt für ungeheuer gespreizt und gestelzt halten, weil Sie dem Mainstream scheinbar schon eine Schelle verpassen, bevor er sich überhaupt drohend vor Ihnen aufgebaut hat. Immer dagegen, immer anders sein. Nein, liebe Menschen, der Kasbohm tut nur so. Der hört auch Blondie und wenn er Blondie hört, dann auch Denise und sogar das tolle Heart of Glass. Sozusagen ein Jarvis Cocker für Kneipenbesucher. Ein lieber Kerl. So. Das musste jetzt mal gesagt werden Kasbohm, schließlich liegen wir hier literarisch in einem Bettchen. Aber immer noch mit Besucherritze! Denn geradezu putzig ist nämlich die Parallelität, die Sie mir zwischen Laserschwertern und dem Sein und Nichtsein des Lebens argumentativ unterjubeln, ja in die Tasche schummeln wollen. Keine Chance. Verkriechen Sie sich zurück auf Ihren Todesstern, Darth Kasbohm: ich bleibe ehrlicher Western-Fan. Schließlich haben John Wayne und Clint Eastwood der Worte über den Sinn des Lebens genug verloren. (»Wer zum Sterben noch keine Lust hat, macht dass er hier rauskommt.«) 


Aktuell noch einmal reflektierend auf diese Europa-Kiste: Ich will ja gar nicht als Kontraeuropäer dastehen. Deshalb aus gegebenem Anlass: Einen Aufenthalt (auch mehrwöchig mit Ayurveda-Wellness-Clubhotel) in den USA, Ozeanien oder Fernost können Sie mir schenken, Kasbohm. Oder aber auch gerne für sich behalten. So lange ich Budapest, Lissabon, Rom, Korfu und Palermo noch nicht gesehen habe, werde ich mir weder Sydney noch Minneapolis oder Saigon aus der Nähe anschauen. Ohnehin hat ein weitgereister Freund von mir die Australier mal als Amerikaner des Südpazifiks bezeichnet. Also müsste man da nur wegen der Kängurus hin und die hopsen auch durch Hagenbecks Tierpark. Außerdem brennt's da nicht alle Nase lang. Weil's ja immer nieselt. 


Ja, das war ein rechter Hölzchen-zu-Stöckchen-Beitrag heute, aber ich fürchte das liegt ganz einfach daran, dass ich durch die Bundesligafreie Zeit einer Daseinskrücke beraubt bin und meine Gedanken darum ziel- und haltlos durch die Lüfte huschen. Fußball ist aber eine ganz andere Kiste und die mache ich erst demnächst wieder auf. Sie sehen Kasbohm: Sie haben sich mit einem dem Feingeist weit entfernten, einfältigen Holzhobler eingelassen. Demnächst quatschen wir hier noch über Weiber, Schnauzbärte und die Abseitsfalle. Warten Sie bloß ab! Oder um es mit Jarvis Cocker zu sagen: 


I never said I was deep / But I am profoundly shallow / My lack of knowledge is vast and my horizons are narrow.


Entschuldigen Sie mich nun. In der Glotze läuft Der Teufelshauptmann von John Ford. 


Peng, Peng!

Ihr Marshall VDL

Montag, 1. Juni 2009

Zukunftsmusiken und Vergangenheitsmusiken


So, nachdem ich den Vormittag zur Auffrischung meines Sonnenbrands im Antonipark verbracht habe, kann ich mich jetzt auch mal wieder hinter zugezogenen Vorhängen an den Rechner setzen. Der Antonipark ist eine feine Einrichtung: Mal kann man sich über die Medienspacken aufregen (z.B. die Dame, die neulich mit einem Hund bewaffnet die Menschenliegewiese betrat, da sie offenbar die Menschenwiese und die wenige Meter entfernte Hundewiese nicht voneinander zu unterscheiden vermag. Bekleidet war sie mit einer kurzen Jeans, einem Bikinioberteil, weil es ja warm war, und einem schweren Hut- Mützenhybrid, weil sie trotz der Hitze sehr angestrengt demonstrieren musste, dass sie sich für irre interessant und unkonventionell hält. Was sie noch dadurch unterstrich, dass sie die ganze Zeit in überhöhter Lautstärke aus ihrem sogenannten Leben erzählte, während ihre Töle die Wiese verheerte. Da war ich doch kurz davor, sie mit der getrockneten Hundescheisse zu bewerfen, die ich unweit meiner Lagerstätte fand) mal über die alteingesessenen (in more than one way) Alkoholiker freuen, die sich von dem Yuppiegesocks nicht vertreiben lassen. Und die dafür sorgen, dass der Park tatsächlich immer ausgesprochen sauber ist und niemand aus der Reihe tanzt. Die haben da so eine Art Hausmeisterfunktion. Das gefällt mir.

Wilco sind tatsächlich eine recht feine Band, auch wenn sie mir nicht den finalen Kick versetzt haben. Ich mochte ja die Vorgängerband Uncle Tupelo immer lieber, insbesondere das wundervolle Country-Folk-Album „March 16-20, 1992“. Bei Uncle Tupelo gab es ja neben dem Beatles-Traditionalisten Jeff Tweedy auch noch den Folk-Traditionalisten Jay Ferrar. Dessen Solowerke und die seiner Band Son Volt sind mir dann doch etwas näher als die Tweedys, aber doch, auch die wissen zu gefallen. Vielleicht ein etwas zu gefälliges Gefallen, aber doch gefallend genug, um von mir gleich mal wieder herausgekramt zu werden.

Noch besser gefällt mir in diesen sonnigen Tagen aber die sehr englische Eleganz der sagenhaften Pale Fountains. Sie wissen schon, Herr VDL, mein Lieblingsthema: Aufbegehren mit Eleganz. Da liegt Herr Bacharach in Hawaii-Badehose mit den Smiths in der Sonne und sogar der junge Morrissey erfreut sich an den Kleinigkeiten des Lebens. So in etwa. An Eleganz und Intelligenz in der heutigen Popszene unübertroffen sind aber, es tut mir Leid, immer noch die Pet Shop Boys, wie ich nach Ansicht der Doku „A Life In Pop“ noch einmal betonen muss. Das sind ja nicht nur erstklassige Songschmiede im konservativen Sinne, sonder auch noch angenehme unprätentiöse Typen, die dazu noch mit ausreichend Selbstdistanz wissen, was sie da tun. Beides Seltenheiten in der Branche, sag ich mal. Da überlegt man sich ja schon allein aus Stilgründen zur Homosexualität zu konvertieren. Wenn wir Männer nur nicht so verdammt unattraktiv wären.

Den Vormittag im Park verbrachte ich zur Hälfte mit der Lektüre des ersten Bandes der gesammelten Kurzgeschichten von Philip K. Dick, die letztes Jahr endlich gebündelt bei Zweitausendeins erschienen und zur anderen Hälfte darüber grübelnd, warum Science Fiction einen derart schlechten Ruf hat. Schon bei der Erwähnung des Genres stopfen sich ja viele die Zeigefinger tief in die Ohren und fangen an Kinderlieder zu singen, um nicht weiter zuhören zu müssen. Irgendwie scheinen sich die Klischees aus Großvaters Groschenheften genetisch zu vererben. Laserschlachten, mutige Captains, Raumschiffe etc. Dabei sind die guten SF geschichten ja immer Parabeln auf die Zeit in der sie entstanden sind. Und gerade Dick hat die bedrückendsten, paranoidesten Dystopien über die Frage „Was ist wirklich?“ geschrieben und ist damit nicht „ein großer SF-Autor“ sondern einer der größten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Right up there mit Thomas Pynchon, Don DeLillo etc. Und auch der kürzlich verstorbene und von mir erst im Zuge dessen entdeckte Brite JG Ballard („Crash“) ist ein hellsichtiger Chronist seiner zeit und der Abgründe des menschlichen Wesens im Allgemeinen. Und dazu im Umgang mit Worten geradezu ein Poet. Da hat alles Farbe, Rhythmus und Präzision. Und keine Raumschiffe sondern langsam verfallende Sozialgefüge in Luxusapartments bis die marodierenden Mietparteien anfangen sich gegenseitig zu kannibalisieren, Sex, Tod, und Verstümmelung. Und was will man mehr von seiner Strandlektüre.

Aber apropos Mietparteien: Sie haben natürlich vollkommen recht. Sollte dieses Europa möglichst weit entfernt lieben, dann würd ich die auch alle dahinschicken. Ich würd aufstehen, mein Kreuzchen machen und am Flughafen noch winken während die abbezahlten Parteienfunktionäre den Flieger gen Europa besteigen. Und wenn ich Zeit hätte, würd ich ihnen vielleicht noch eine kleine Überraschung in den Gepäckraum legen. Ich bin ja gar nicht so.

Samstag, 30. Mai 2009

Politisch korrekt.


Lieber Parteifreund Kasbohm!


Dass Sie mir nicht politikverdrossen werden, bei den ganzen Tiraden des Geifers, die Sie da loslassen. Dem Herzen nach immer noch ein Sozi, folge ich Ihnen inhaltlich dennoch in so manche Ecke und wüsste aber in der Tat nicht, wem ich nach Europa folgen sollte. Wo liegt eigentlich dieses Europa? Ich fühl mich eher, als würde ich immer noch in Hamburg wohnen und in Katalonien Urlaub machen. Und wenn ich mir die Wahlwerbung so anschaue, möchte ich sowieso, dass die Christliche Mitte, die Rentnerpartei und die Nazis nach Europa gehen, solange das nur hübsch weit weg ist. Das mag jetzt politisch (und kosmopolitisch vor allem!) nicht ganz einwandfrei von mir sein, aber das kratzt mich nur mäßig. Ich sag Ihnen nämlich jetzt, was politisch korrekt ist, Kasbohm: das neue Wilco-Album! Obwohl es das ja eigentlich noch gar nicht gibt! Und da, ja genau da hoppelt der Hase durch den Pfeffer. Eine tolle Geschichte ist das. Krallen Sie sich mal in Ihrer Sofalehne fest!


Nicht genug nämlich, dass diese Kapelle aus Chicago ohnehin ganz einfach feine Musik macht. Nee – da hat irgendein Schmutzfuß doch glatt eins der Bänder aus dem Studio gemopst und im Internet geleakt, wie das so schön neuenglisch heißt. Also allen geneigten Datendieben zugänglich gemacht, obwohl das echt politisch inkorrekt und auch irgendwie fies ist. Studiomieten, Produktion, Catering, Schampus für die Groupies: das kostet doch alles ordentlich Schotter! Welches die armen Wilcos mit den Plattenverkäufen mühsam abstottern müssen! Und dann kommt einfach so ein Frettchen daher und versaut denen den Kontostand. Schande über den Wicht! In den See! Mit einem Gewicht an den Füßen! Oder besser: zu den Schweinen! Und ein gemeinsames Taschentuch verwenden!


Das Tolle an der ganzen Geschichte ist jedoch, dass das Wilco (sie leben hoch!) alles gar nix ausgemacht hat. Denn die haben einfach kurzerhand das komplette Album zum Anhören auf ihre Website geknallt und einen Aufruf dazu gestartet: Dass nämlich jeder, der sich die Platte vorher unerlaubterweise und strafbar aus dem Internetz gesogen hat, doch bitte Buße tun und an die wohltätige »The Inspiration Corporation« spenden möge. Das hat Wilco den Leuten noch nicht einmal vollkommen gerechtfertigt befohlen, sondern lediglich "empfohlen". Und jetzt kommen Sie! So viel Appell an das Gewissen macht doch sprachlos, Kasbohm, nicht wahr? Da freut man sich doch! Die Welt ist wirklich sonnig an manchen Stellen.


Weil ich ja nicht so der Hipster mit dem heißesten Scheiß bin und dem Trend unfehlbar einige Meter hinterher hoppele, bemerkte ich die ganze Geschichte erst, als ich die Online-Ausgabe des Rolling Stone las. Derart neugierig gemacht, begab ich mich sofort auf die Wilco-Webpräsenz und ließ die neue, Ende Juni erscheinende Platte in voller Länge über meine furnierten Schreibtischboxen laufen. Und siehe – für ein paar Sekunden beschlich mich doch tatsächlich Verständnis für die Interneträuber. Denn so wahr ich hier tippe, ist das neue, schlicht als "(The Album)" betitelte Wilco-Werk ganz einfach so was von brillant und scheißschön, dass man sich sofort eine Bit-Torrent-Software laden will. Elf Stücke voller Anmut, Ideenreichtum, fabelhafter Instrumentierung und sommerlicher Wonne. Ich habe schwer mit mir gehadert, mich aber dann doch wegen meiner schändlichen Gedankengänge in die Ecke geschämt, den Erscheinungstermin in meinem Kalender dick rot angemalt und mich mit einer Erdnussflipstüte zum Warten hingesetzt. Am 26. Juni werde ich wieder aufstehen und mit Druckgeschwüren am Arsch in den Plattenladen meines Vertrauens gehen. Und allen anderen geneigten Menschen, ja auch Ihnen Kasbohm, empfehle ich das Gleiche. Sie müssen ja keine Flips essen. Chips oder Zwiebelringe gehen auch. Sowieso muss man diese Platte besitzen, denn auf dem Cover befindet sich ein Kamel mit einem drolligen Partyhütchen auf dem Kopf. Wenn das nichts ist!


Reinhören kann man in die neue Scheibe jetzt allerdings nicht mehr. Was indes nichts damit zu tun hat, dass Jeff Tweedy und seine Truppe die Gier auf das neue Album befeuern wollen, sondern einfach damit, dass das ehemalige Wilco-Mitglied Jay Bennett im Alter von gerade mal lächerlichen 45 Jahren verstorben ist. R.I.P. Dort, wo vorher der Stream lief, steht jetzt eine Nachricht der Kondolenz. Besonders erstaunlich: Erst vor einem Monat hat Bennett Jeff Tweedy noch wegen Vertragsbruches aufgrund unterlassener Urheberrechtszahlungen verklagt. Das ist jetzt alles nicht mehr nur einfach politisch korrekt, sondern sogar wirklich edel und gut. Vielleicht sollte man in Berlin mal Wilco-Platten verteilen. Obwohl... vielleicht ist es doch besser, wenn Frau Merkel weiterhin die Puhdys hört. 


Vergebung übrigens für meine lange Abstinenz, Kasbohm. Ein Hexenschuss ist kein Geschenk. Aber ich spreche über Farbe zu einem Blinden. Denn da kommen Sie erst noch hin, Sie Jungspund. 


Ihnen schöne Pfingsten. Möge der Geist der Völkerverständigung mit Ihnen sein. Herzlichst, Ihr oller Sack

VDL



Montag, 18. Mai 2009

Sozialdemokratie überwinden

Werter Freiherr van der Louw,

Mit "Der Kapitalismus muss überwunden werden" ist es für mich ja wie mit "alle Raben sind schwarz". Selbstverständlich vollkommen richtig aber eine absolute Binse, deren Äußerung keinen Erkenntnisgewinn bringt. Das Problem bei Lafontaine ist ja nicht, dass er den Kapitalismus überwinden möchte, sondern, dass er es eigentlich nämlich doch nicht so richtig möchte. Schließlich ist er ja Sozialdemokrat. Und was haben die Sozialdemokraten gemacht, als die Matrosen nach dem ersten Weltkrieg gegen das System sich erhoben? Genau - sie haben die faschistischen Freikorps gerufen um den Aufstand im Blut der Matrosen zu ertränken auf deren Seite die Sozialdemokraten immer behauptet hatten zu stehen. (Lafontaine ist zudem natürlich ein vollkommener Wirrkopf und geradezu pathologischer Antisemit. Deshalb hat er ja auch etliche Fans, die eher braun als rot sind.)

Wenn es drauf ankommt - und das war bei Schröder wie es bei Stresemann war - haben Sozialdemokraten nie etwas besseres zu tun als im Sinne der bestehenden Ordnung - und der Nutznießer dieser Ordnung - mit aller Gewalt durchzugreifen. Seien die Nutznießer der bestehenden Ordnung nun der Kaiser und der Erbadel oder die nichtsteuerzahlenden Großunternehmen und der "Geldadel". Mit tösender Rethorik geben sie vor, der Anwalt der unteren Gesellschaftsschichten zu sein nur um diesen Menschen dann wieder lachend eins über den Kopf zu ziehen. Weil die ja doch nicht lernen und jedes Mal wieder SPD wählen. Das ist so eine Art sadomasochistische Zweckverbindung.

Helmut Kohl und HD Genscher hätten doch niemals Harz IV einführen und den Balkan per Einmarsch der "Friedenstruppen" weiter destabilisieren können. Damit wären die niemals durchgekommen. Als moralische Rechtfertigung brauchte es dazu den "kleinen Mann" Schröder und den "Friedensaktivisten" Fischer. Wobei letzterer ja in bester rechtskonservativer Feuilletonistenmanier versuchte die deutsche Geschichte gleich mit zu entsorgen, in dem er behauptete Milosevic sei der neue Hitler etc pp. Und dazu der fanatische getriebene Rudolf Scharping der, der Lügen aus der Propagandakiste verbreitete wie man sie seit dem ersten Weltkrieg durch Aufklärung für vergessen hielt (Fötengrill, Hufeisenplan etc). Nur damit die eine Seite dämonisiert wird und man dann auf der Seite der Anderen, der "Guten", gegen die bösen (Balkan-Hitler (Jetzt kämpfen wir Deutschen endlich auch gegen Hitler)) in den Krieg ziehen konnte.

Und was die "Sozialreform" angeht: Dass das Proletariat von heute, im marxschen Sinne, eben nicht mehr nur die Hafenarbeiter und Maurer sind, die es ja eh kaum noch gibt, sondern eben wir alle, seien wir nun Schreiber, Architekten oder Informatiker oder was auch immer, das dürften mittlerweile genug von uns am eigenen Leib und Portemonnaie erfahren haben.

Ächz. Da könnt ich mich ja glatt in Rage reden. Aber am Ende läuft das alles auf den Satz der Matrosen von 1920 hinaus: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!". Und mehr Wörter muss man über die auch nicht verlieren.

Also, und da schließe ich mich Ihnen rückhaltlos an, Herr van der Louw, Es gibt sehr viele schöne Dinge, die man aus Papier machen. Hütchen, Papierflieger, Notizzettel etc. Alles schöne Sachen, die man mit den Wahlunterlagen machen kann. Wer aus ästhetischen oder sonstwelchen Gründen darüber abstimmen möchte, ob die Vorgaben des DIHT künftig von einer der einen oder anderen Person umgesetzt werden, der soll von mir aus in Gottes Namen zur Wahl gehen. Ich leiste meinen politischen Beitrag durch meine Arbeit und habe ansonsten besseres zu tun als Beihilfe zu leisten.

Und nächstes Mal gibts dann wieder heitere Alltagsbeobachtungen aus Wald und Flur oder einen weiteren Fleischbehau oder ich hol mal ne schöne Platte aus meinem Regal und schreib 10.000 Zeichen dazu. Das macht nämlich mehr Spaß. Sonst kommt man so verbittert rüber. Aber es gibt ja diese Ragethemen. Was soll man machen?

Freitag, 15. Mai 2009

Linke Gerade.

Genosse Kasbohm!


Linksrechtslinks – das war für mich in der Vergangenheit weniger eine politische Frage, als vielmehr Richtlinie für die Reihenfolge von drei Küsschen auf die Wange. Bis mir eine gute Freundin aus Stuttgart auseinandersetzte, dass man tunlichst links mit der Küsserei beginnt, lief ich des Öfteren Gefahr, einen dicken Schmatzer direkt auf den Mund der gegenüber stehenden Person zu platzieren. Wie Sie sich denken können Kasbohm, eine überaus deplazierte bis hochnotpeinliche Geschichte. Aber aus der Nummer bin ich hier oben im Norden ja nun raus. Mit einem Busserl wird hierzulande wohl eher ein kleiner Personentransporter (Daihatsu; wahlweise Hyundai) assoziiert. Schlimme Automobile, die von der Style-Police sofort und ohne Widerrede mitsamt Führerschein des Halters wegen optischer Belästigung einkassiert gehören. Dann doch lieber jedem Hinz seinen Golf. Nicht mehr auffallen, schon gar nicht unangenehm. Kompatibilität durch rundgelutschte Meinungslosigkeit.  


Apropos Meinung! Nur wenige Vorabende ist es her, dass ich Opfer einer telefonischen Forsa-Umfrage wurde. Nachdem ich mich dreimal vergewissert hatte, dass es tatsächlich um meine Meinung und nicht um Waschlappensets aus Mikrofaser ging, nahm ich wahrheitsgemäß zu allen Fragen Stellung. Außerdem bin ich neurotisch und genieße die süße Selbstbestätigung, wenn tatsächlich mal jemand an meiner Meinung zur weltpolitischen Lage interessiert ist. Um Politik ging es sogar. UND Medien. Woraus sich so hübsch divergente Fragen ergaben wie »Kennen Sie Til Schweiger und an welchen seiner Filme können Sie sich erinnern?« Dicht gefolgt von »Glauben Sie, dass sich die deutsche Politik in Zukunft eher an finanziellen Rahmenvorgaben oder doch den Bedürfnissen der Bevölkerung in Deutschland orientieren sollte?« Gleich zu Beginn dieses Interviews wurde ich nach meinem Fernsehverhalten befragt, währenddessen ich erwähnte, dass ich private Sender vermeide bis verweigere. Interessant wäre ja gewesen, ob es verschiedene Fragenkataloge gab und ob ich in einen anderen gerutscht wäre, hätte ich behauptet, tagein tagaus delirierend mit RTL und VOX zu verbringen. (Wen bevorzugen Sie als künftigen Bundespräsidenten: Horst Köhler, Oliver Geissen oder Peter Zwegat?) Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie sich meine Meinung auf kommende Prognosen und Hochrechnungen auswirken wird. Vorsichtshalber habe ich zum Ende des Gespräches angekündigt, was ich im Falle meines Wahlsieges hierzulande bewegen werde: so u.A. die komplette Abschaffung digitaler Musik, Hutzwang bei Herren und das Trockenlegen der Alster für feine Ausfahrten mit dem Strandsegler. Das werden goldene Zeiten.


Aber die Wirklichkeit sieht vermutlich ganz anders aus. Denn was, werter Kasbohm, erwarten Sie? Dass hierzulande niemand auf eine solche Bazille wie den Fleischklopper hereinfällt? Wenn man mal falsch fernsieht, drängt sich einem doch vielmehr der Verdacht auf, dass Deutschland in der Überzahl aus Formel-1-verrückten, kölschtrinkenden, auswanderungs-willigen, heillos überschuldeten Hartz-4-Laubenpiepern mit Schreib-/ Leseschwäche und migrantischem Hintergrund besteht. Interessen: Klingeltöne downloaden und öffentlich für 100 Piepen Talkshow-Honorar Vaterschaften verifizieren lassen. Dass die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands gerade bei der Zielgruppe der ewig zu kurz Gekommenen mit Allgemeinplätzen versucht, ihren Fuß in die Tür zu quetschen, ist kaum verwunderlich. Und der Fuß in der Tür ist für diese Gestalten ja nichts Neues. Gelernt ist gelernt. Das charakterlose saarländische Sackgesicht ballt dazu verbal die Faust: »Jetzt regt sich wieder die Klasse, die über Jahre verloren hat.« Da rege ich mich auch. Und zwar maßlos auf. Kapitalismus überwinden! Klassenkampf! Eine neue Gesellschafts-ordnung des demokratischen Sozialismus! Ich hätte nicht übel Lust, dieser Hackfresse mit einem Braunkohlebrikett... aber was echauffiere ich mich hier sinnlos.    


Meinen Wahlschein fürs Europaparlament habe ich jedenfalls als Einkaufszettel benutzt. Aktive Ressourcenschonung! Mein Beitrag für ein schöneres Europa. 


Immer bereit, Ihr

VDL  

Dienstag, 12. Mai 2009

Jan Fleischhauer pt I

Wir schreiben, kurzer Blick auf die Uhr, – ja – das Jahr 2009 und bei Spiegel-Online erhebt Jan Fleischhauer sein hässliches, leeres Haupt, dass es nur so klötert. Und er wartet mit einer Erkenntnis auf, die mit bloßer Farbfehlsichtigkeit und torischer Verschiebung nicht mehr zu erklären ist. Sein vor ein paar Tagen veröffentlichtes Debütschreiben (zumindest sein Debüt beim mir ins Auge fallen und trefflicher Auftakt für einen verbissenen Feldzug ungeahnter Bratzigkeit meinesgleichen, der seinesgleichen sucht) begann er mit den Worten:

„Die Linke hat gesiegt, auf ganzer Linie - jedenfalls als Weltanschauung und Lebensgefühl. Wer links ist, lebt im schönen Bewusstsein, einfach immer recht zu haben. Tapfere Abweichler gibt es dennoch.“

Mann, endlich mal jemand, der es ausspricht: Den Leistungsverweigerern fliegen die gebratenen Tauben in den Mund, die Ausbeuter und ihre Helfershelfer wurden an Laternenpfählen aufgeknüpft und... Nein, das war mein Traum von letzter Nacht. Aber in welcher Traumwelt lebt Fleischhauer, wenn er wach ist? In einer Welt, in der die SPD zuverlässig den Sozialabbau besorgt hat, den die CDU sich jahrelang nicht zu machen getraut hat, der grüne Außenminister der erste deutsche Außenminister seit von Ribbentrop war, der wieder einen Angriffskrieg vorbereitete, das ganze Koordinatensystem sich also derart weit nach rechts geschoben hat, dass Heiner Geißler inzwischen als „Linker“ gesehen wird – da stellt der Fleischhauer sich hin und fühlt sich von einer übermächtigen Linken umzingelt und dabei irre rebellisch? Mann, was für eine arme Sau. Wahrscheinlich wurden ihm von seinen 68er-Eltern immer kratzige Wollpullover angezogen und jetzt ist er von dem Drang erfüllt, sich zu rächen. Und verwechselt Barttragen mit Linkssein. Aber was soll's. Wenn man auf einer Mission ist, was interessiert einen dann die Realität.

Heute sind ja selbst Studenten politisch derart gleichgültig und nur noch darauf fixiert, ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit zu maximieren, dass tatsächlich sogar in den Uniparlamenten der RCDS eine entscheidende Größe ist. Himmel, vor 20 Jahren galt noch, zurecht, als Rechter, wer die Grüne Hochschulgruppe gewählt hat.

Was mich dazu motiviert, diesem Laffen eine derart unverdiente Aufmerksamkeit zu widmen, (und ihn nicht der verdienten Ignoranz anheim fallen zu lassen) ist die Impertinenz, mit der er sein kriecherisches Opportunistentum auch noch als Rebellion verkauft. Zu diesem Wicht sei hiermit noch lange nicht das letzte Wort verloren.

Donnerstag, 7. Mai 2009

Schweinerei in der Krise.


Bester Kasbohm!


Schweinekrise? Finanzgrippe? Papperlapapp! Ich sag Ihnen Kasbohm, was wirklich die Krätze unserer Zeit ist: Verpackungsmüll! Der Verpackungsmüll wird uns alle eines Tages erst in den Ruin treiben, dann töten und schließlich die alleinige Weltherrschaft übernehmen, da bin ich mir seit heute sicher. 


Nieselregen, fuffzehn Grad, hanseatischer Frühling – alles schien in bester Ordnung heute Morgen. Gegen 11 Uhr fielen blöderweise drei von fünf sündhaft teuren Farbpatronen in meinem Drucker trocken. Weil ich u.A. ein Cover für eine CD ausdrucken wollte (die Sie demnächst von mir bekommen, Kasbohm – ich weiß auch nicht, womit Sie das verdient haben), warf ich also schnell ein leichtes Jäckchen über und verließ die Heimstatt in Richtung Wandsbeker Marktplatz. Die dort ansässige Gruppe von adoleszenten Berufsschulschwänzern (Fachbereich Zerspanungstechnik) führte ihre übliche Unterhaltung – wie immer kamen mir Wortfetzen wie »Digga!« oder »Schwör, Alta!« zu Ohren – und mit beschleunigtem Schritt erreichte ich den rettenden Haupteingang einer der ältesten Karstadt-Filialen Hamburgs. Ich bin ja Karstadt-Kunde seit der Steinzeit, aber das sei nur am Rande erwähnt. Auf in die zweite Etage! Übersichtliche Aufteilung, alle Patronen schnell gefunden und zackig zur Kasse. Dort ging’s schon mal los. Selbst wenn man bei Karstadt neue Aufsätze für die elektrische Zahnbürste, einen USB-Stick oder eine minimal verpackte Speicherkarte für irgendein technisches Tüdelüt erwerben will, bekommt man ungefragt den Artikel in eine blaue Tüte befördert. Ich habe das nun schon unzählige Male ausprobiert – man müsste schon über die Reaktionsfähigkeit einer Klapperschlange verfügen, um zu verhindern, dass die Karstädter den Einkauf in Sekundenbruchteilen im Plastik verschwinden lassen. Mittlerweile stoße ich sogar auf böse Blicke, wenn ich das gekaufte Produkt kurzerhand wieder aus der Tüte fische und mit den Worten »Danke – die brauch ich nicht.« das Ladengeschäft verlasse. Logisch: das nunmehr gebrauchte Tragetäschchen lag vorher akkurat platt auf einem Haufen, wird durch die kurzfristige Benutzung aber seiner statischen Aufladung beraubt, hat sich daher zusammengefriemelt und sieht binnen eines flüchtigen Moments aus wie dunkelblaue Scheiße. Einmal angefasst – Müll. Wenn das kein Zeichen für die Schnelllebigkeit unserer Zeit ist, kenne ich so fix kein anderes. 


Auf dem Nachhauseweg lächelte meine Blumenfrau dermaßen zuckersüß, dass ich mich schnell für ein dickes Bund Tulpen erwärmen konnte, auch wenn die Zeit für Tulpen in diesem Jahr endgültig vorbei ist. Der Dame kann ich auch zum hundertsten Mal in meinem mittlerweile 6ten Wandsbek-Jahr erklären, dass ich von ihrem Laden aus mühelos mein Schlafzimmerfenster erspähen kann und Papier um meine Schnittblumen wirklich unnötig... aber ach, man muss ja nicht alles ausdiskutieren.


Zurück zum Drucker. Ich packte aus. 


Hier ist jetzt gar kein Absatz zwingend erforderlich, aber aus dramaturgischen Gründen gibt’s den trotzdem. Schließlich kosteten mich die verdammten drei Dreckspatronen nicht nur über fünfzig Eier, sondern auch noch gefühlte 20 Minuten des Auspackens. Zunächst will die äußere Kunststoffverpackung (Prinzip „Fort Knox“) aufgebrochen werden. In die Form der solchen schmiegt sich eine hübsch mehrfarbig brillant bedruckte Pappe, sowie ein Beipackzettel, der jeder Arznei aus dem Krankenhaus-Giftschrank mühelos Konkurrenz machen würde. Darin eingewickelt: die nächste Kunststoffverpackung. Und immerhin ein Lichtblick: die Patrone rückt ins Sichtfeld. Aus diesem Kunststoff befreit, wähnt man sich schon siegessicher und möchte, den erbeuteten Artikel hoch in die Luft gereckt, nach guter Jägerart das Waldhorn blasen, doch Halt! Perfiderweise steckt die Patrone selbst noch in einem weiteren, knallengen Plastikkondom, welches man nur schwer ablösen kann. Ist dies bewältigt, wird immer noch nicht geblasen (geschweige denn gedruckt), sondern VOR dem Einsetzen des Tintentanks muss zunächst noch eine kleine Lasche abgerissen UND ein 5 Zentimeter langer – wenn auch formschöner – aber in der Tat völlig überflüssiger Plastikhenkel von der Patrone abgebrochen werden. Fertig. Bis mein Drucker das nächste Mal nach Tinte japst, werde ich vermutlich mit der Mülltrennung beschäftigt sein. Anschließend werde ich mit den sorgfältig auseinandergefummelten Rückständen die Firma Canon aufsuchen und den verantwortlichen Produktdesignern das ganze Zeugs, gemeinsam mit dem Kassenzettel, rektal einführen. Auch wenn ich den Kassenzettel eigentlich brauche, um den Mist von der Steuer abzuziehen. Man muss Zeichen setzen! Auch mal Flagge zeigen!


Ich brauche jetzt unbedingt etwas politisch Korrektes. Sting. Oder U2. Gutmenschenmusik. Und dann drucke ich den Text dazu aus. Auf Jute. Anschließend nagele ich die Botschaft an die Tür des Wandsbeker Rathauses. Ich bin der Martin Luther der Umweltsauereien! Die sollen sich mal alle ganz warm anziehen!


Grün vor Ärger grüßt Sie,

Ihr VDL         


Mittwoch, 29. April 2009

Apocalypseverweigerung

So, jetzt haben wir's. Wirtschaftskrise, Terroristen, Pandemie und das Wetter wird auch schlechter. The Second Coming of Christ scheint unmittelbar vor der Tür zu stehen. (An dieser Stelle sei kurz das wunderbare Comic "The Chronicles of Wormwood" von Garth Ennis erwähnt. Die Geschichte des Antichristen, der in NY wohnt und beschlossen hat, mit dem ganzen Apokalypsequatsch seines Vaters nichts mehr zu tun haben zu wollen und die Menschheit einfach sich selbst zu überlassen. Weitere Protagonisten: Sein Freund Jesus (nach Polizei-Übergriffen "mentally challengend", wie man auf PC sagen würde), der Satan, Pope Jacko und Gott. Vermutlich die blasphemischste Schrift, die ich seit langem in der Hand hielt. Und hätte ich das Geld, würde ich die gesamte Auflage kaufen und an Schulen, die ihre Schüler mit Schöpfungslehre als Alternative zur Evolution verblöden wollen, kostenlos verteilen.)

Aber ich spiel da nicht mit. Das ganze Szenario wirkt doch zu sehr, als hätten es sich Dick Schäuble und Wolfgang Cheney am Telefon ausgedacht. Wenn es keine Vernunftgründe für die Bevölkerung mehr gibt, den Staat und die gesellschaftlichen Strukturen zu stützen, muss halt die Angst her. Bedrohungen allerorts, Sicherheitsbedürfnis etc.. Also: Führt euch eure Schlagstöcke selbst ein, ihr Schweineficker. Ich ignoriere jedwede Bedrohung und betrachte das Leben fürderhin als eine große Grillparty.

Und Bill Callahan scheint mir wirklich in mein Schema zu passen. Schwerter zu Pflugscharen, Gitarren zu Celli. Mein Reden. Auch wenn ich zur Zeit zu kaum etwas anderem komme, als Dub zu hören. Ist ja auch ein zu weites Feld, wie Theodor Fontane den Herrn von Briest in seinem unerträglichen Buch sagen lässt. Und da kann mich wunderbar über Monate hinweg drin eingraben. Dieser entspannte Groove bei gleichzeitiger formaler Strenge und absoluter Reduktion. Nachdem ich die letzten beiden Male, beim Auflegen in der Dorade, versuchte die wenigen Gäste mit Düsterpop bzw. Jazz zu vertreiben, werde ich es heute in der ersten Stunde mal mit Dub versuchen. Aber das Publikum ist ja so scheißtolerant da. Und, ja, eigentlich gefällt es mir ja auch, dass die so scheißtolerant sind.

Wieder aus den staubigen Tiefen der lange nicht mehr gehörten Platten habe ich übrigens gerade einen recht interessanten Hybriden, bei dem sich unsere derzeitigen Vorlieben vielleicht treffen könnten: "Just A Visitor" von den Fellow Travellers. Da verbindet sich nämlich entspanntes Country-Songwritertum mit dubbigen rhythms. Das liest sich auf dem Papier wahnsinnig gewollt und konstruiert (gestelzt, gespreizt), klingt aber, wenn man es hört, völlig selbstverständlich, natürlich und entspannt. Also der Flow. Mit Stetson und Cowboystiefeln in einer Hängematte auf Jamaica Gitarre spielen, während ein englisches Frühachtzigerreggaepunkmädchen daneben sitzt und Bass spielt. Auch kein schlechtes Leben. Und da kommt die Schweinepest vermutlich erst in zwei Wochen an. In Hamburg ist sie seit heute. Aber: "What, Me Worry?", wie Alfred E. Neumann sagen würde. Dagegen gibt's doch Tabletten. (Also nicht gegen die Schweinepest. Aber zumindest gegen das Sorgenmachen.)

Sonntag, 26. April 2009

Zurück zur Natur!

Lieber Kasbohm!


48 Minuten und 16 Sekunden. So lange hat es gedauert, bis ich gestern einigermaßen überwältigt auf meinem ollen Sofa vor den Lautsprechern saß. Ich musste schon nach etwa 20 Minuten eigentlich dringend pinkeln (Literflasche San Miguel) aber beim ersten Hören einer sehr guten neuen Platte müssen sich meine ableitenden Harnwege auch mal zusammenreißen. Und jetzt rutschen Sie schon ungeduldig auf Ihrem fusseligen Sessel herum und wollen wissen, was ich mir da angehört habe – gell, Kasbohm? Wie gern würde ich Sie jetzt auf kleiner Flamme schmurgeln lassen und Ihnen innere Pein bereiten (Jetzt hat er Judas Priest von 1981 gehört und WAS soll ich darauf erwidern? Scheiß Bloggerei...) 


Aber jetzt schauen Sie mal nach draußen, Kasbohm. Was sehen Sie da? Genau. Immer noch Frühling. Da bin ich Ihnen doch gut! Da hab ich Sie doch lieb! Und Sie haben auch noch vollkommen recht: es gibt Platten, die einen zu einem besseren Menschen machen. Gold von Ryan Adams (der übrigens – ohne Ihr Zutun – fast genauso aussieht wie Sie, aber deshalb mag ich den trotzdem) Astral Weeks von Van Morrison, Sticky Fingers, annähernd alles von Donny Hathaway, Stevie Wonder und Aretha Franklin, Wild Wood von Paul Weller, Pet Sounds, Born To Run von Springsteen, Spirits Having Flown von den Bee Gees, What’s Going On von Marvin Gaye, Rumours von Fleetwood Mac, Back In The High Life von Steve Winwood, Dusk von The The, London Calling von The Clash und keinesfalls Behaviour von den Pet Shop Boys, davon wird man höchstens ordentlich schwul, also passen Sie da gut auf. 


Ab heute kann man dieser Liste jedenfalls noch eine weitere Platte hinzufügen: Sometimes I Wish We Were An Eagle von Bill Callahan. Nein Kasbohm, ich habe mich tatsächlich nur ein ganz ganz ganz klein wenig vom aktuellen Rolling Stone leiten lassen und tute jetzt nicht einfach nur doof ins gleiche Horn, sondern: das ist einfach eine sehr sehr sehr gute Scheibe.


Vor allem! Wenn in illustrer Runde das Gespräch zur Musik driftet und man mal nebenbei fallen lässt, dass man sich das neue Album von Bill (wer?!) Callahan zugelegt hat, geht auch mehr bei den Mädels, bilde ich mir ein. Das wirkt bestimmt geheimnisvoll, irrsinnig eloquent und total anziehend. Klar: Bill Callahan kennt so gut wie keine Sau, der kann auch ausgewandert sein und seit Jahren indonesische Fischermusik oder litauischen Black Metal machen. Aber trotzdem besteht hier deutlich mehr Aussicht auf Fummeln, als wenn man erzählt, dass man sich die Neue von den Pet Shop Boys... ach Sie sind ja sowieso unbelehrbar, Kasbohm. 


Tatsächlich hat der Callahan Bill ein wunderbares, ja was eigentlich... Neo-Country-Folk (?) Album zusammengebastelt. Da kommt eben keine Gitarre zum Solo nach vorn, sondern ein Cello. Aha! Oder es streichen Streicher und es tuten Hörner. An den richtigen Stellen! Eine Sopranistin wiederholt ein paar Male nur ein Wort des Refrains und aus dem Hintergrund orgelt eine irgendwie, nun ja, anatolische Melodie. Fallen Sie mir nicht ins Wort Kasbohm, ich weiß selber dass das in meiner Beschreibung ganz schön Kacke klingt und weniger nach einer guten Platte. Vielmehr nach einer Kassette, die ich beim syrischen Gemüsemann zum Bündel Bärlauch als Dreingabe bekommen habe. Schon gar nicht klingt das nach Country, modernem Folk oder Americana. Aber über dieser ganzen komischen Instrumentierung und der brummigen Stimme des lieben Bills spürt man die Natur, flirrt der Staub, kreisen zwei altersschwache, ausgehungerte Geier und es riecht ein wenig nach Pferd. Kann auch Schaf sein, aber ich hab gerade das Cover neben mir liegen und da sind hübsche Gäule drauf, denen man gleich ein Stückchen Zucker geben möchte. 


Hübsch auch: der Mann macht einem ein richtig schlechtes Gewissen, wenn man sein Werk auf schnödem Plastik und nicht auf duftendem Vinyl erworben hat: nach Track 5 kommt eine 19sekündige Pause. Kann man verkünstelt nennen, aber tatsächlich besteht das Album aus zwei Seiten, mit jeweils einem adäquaten Opener und einem würdigen Ende, an dem jeweils ein Knacken erfolgen sollte, sofern man einen manuellen Plattenspieler sein Eigen nennt. Aber ich verfalle ins Faseln; dabei sind klare Worte vonnöten!


Sie gehen morgen ganz flott in einen Tonträgerladen. Dort VERLANGEN Sie (und zwar GEZIELT!) Sometimes I Wish We Were An Eagle von Bill Callahan. Das wird auch nachgeprüft und mogeln ist nicht drin. Ich will schließlich nur Ihr Bestes. Sie sind ja schon ein durchaus annehmbarer Mensch, aber Sie werden hernach ein wenig von innen leuchten. Ich hab das nun schon dreimal hintereinander gehört und kann mir unten am Hafen als Boje ein paar Mäuse hinzuverdienen. Außerdem: ein schöneres Lied als Too Many Birds wird in diesem Jahr niemand mehr schreiben. Sie müssen also keinen Schund auf blauen Dunst kaufen und sparen auch noch Geld. Was nur beweist, dass manche Platten einen nicht nur besser, sondern auch noch reicher machen. In jeder Beziehung.  


In case things go poorly and I not return, remember the good things I done.


Seine Cowboystiefel suchend, Ihr 

VDL

Freitag, 24. April 2009

Gezieltes Verlangen

Ich bin ja in der glücklichen Lage, zwar einen Fernseher zu haben, den aber nicht ans Kabel angeschlossen zu haben, sondern nur an den DVD-Spieler. Insofern entgehen mir Werbeblöcke seit einiger Zeit. Dennoch ist mir die Apothekenrundschau-Werbung ein Begriff. Die scheint es schon länger zu geben. Was mich daran immer am Meisten irritiert hat war die Aufforderung gezielt zu fragen. also nicht wie üblich in der Apotheke, bevor man die gekauften Drogen eingeworfen hat, nur so vage rumzueiern. "Äh, ja dann geben Sie mir vielleicht nochmal sowas,...hmmm..., haben Sie vielleicht was aus Papier? Bedruckt vielleicht?...Hmm...oder...vielleicht so ne Luftpolsterfolie, die beruhigt immer so...nee, vielleicht doch was aus Papier...hmmm..."

Wenn mich nicht alles täuscht, gab es sogar mal eine Werbung in der man aufgefordert wurde irgendwas, vermutlich in seiner Apotheke, zu verlangen. Also nicht höflich um etwas zu bitten oder nach etwas zu fragen, sondern es zu verlangen. Also sich in bester SA-Manier vor seinem Apotheker aufzubauen und zu poltern: "Geben sie mir sofort eine Klinikpackung Ibuprofen 600er". Als müsste man in einem Land in dem Dieter Bohlens öffentliche Pöbeleien und Demütigungen gegen Leute die eh schon arme Säue sind, von vielen als lustig empfunden werden. Das ist so ein Hermann-Göring-Humor, wie ihn auch Stefan Raab praktiziert. Billige Lacher zu Lasten von Unterpriviligierten und kleinen Deppen, damit sich die selbst schon ausgesprochen breite Masse gemeinsam über noch Schwächere lustig machen kann und sich stark fühlen darf. Da kommt in mir das Verlangen auf, diesen brunzdummen Großsprechern mit meinen Stiefeln so kräftig in den Arsch zu treten, dass sie jedes mal wenn sie aufstoßen gutes italienisches Leder schmecken.

Ansonsten mach mich dieses Frühlingswetter aber derart mellow, dass ich meine ganzen alten Dub-Platten rausgeholt habe und grad denke "Wer braucht so etwas reaktionäres wie Songstrukturen, wenn man doch so entspannt durch den Tag grooven kann." Das ändert sich aber natürlich alle paar Stunden. dann brauch ich zwischendurch auch wieder die sonnigen Melodien, die mich zu einem besseren Menschen machen. Immer dem gezielten Verlangen nach geben. Oder dem ungezielten.