Montag, 1. März 2010

Off the record #2





Von: VDL

An: Kasbohm

01.03.2010, 17:45


Kasböhmchen!


Ich hab gerade auf der Internetzseite des Rolling Stone ein schickes Video mit einem – wie ich finde – toffen Lied gefunden. Wollen wir das ins Blog packen und die Menschen zum Kauf aufrufen? Man kann ja auch mal was Gutes tun. Wenn Sie das gut finden, versuch ich das Filmchen mal einzufriemeln.


Schönen metereologischen Frühlingsanfang,

VDL



Von: Kasbohm

An: VDL

01.03.2010, 17:57


Kaufen in großer Stückzahl. Und dann verbrennen!


Also, ähm, ist nicht ganz mein Ding. Von Nick Cave mag ich ja nur recht wenig und von Shane MacGowan gar nüscht. Außer seinen Zähnen. Das ist mir immer zu sehr die Betrunkene-Schunkeln-Nummer. Und dann noch in dieser Dunkel-Indie-Allstars-singen-zusammen Live-Aid-Manier. Da erfreue ich mich doch lieber an der neuen Joanna Newsom. Und an der neuen Beach House. Das kann ich hören und anschauen, ohne dass mein audiovisuelles Zentrum panisch aus meinen Schädel springen will.


Aber packen Sie das ruhig rein. Ist ja für nen guten Zweck.


Auch Ihnen einen feinen Frühlingsbeginn und beschwingtes Herumschwingen!

Küsschen,

AKA



Von: VDL

An: Kasbohm

01.03.2010, 18:19


Ach, Kasbohm. Es wird wirklich Zeit, dass der Frühling Ihre Hasstiraden-Laune und Ihre Beleidigungswut hinfort weht. Sie sind doch ein lieber Mensch! (Also insgeheim.) Das Filmchen hab ich gerade eben deshalb auf die Seite gestellt, weil es Haiti hilft. Sie wollen da doch auch mal im Urlaub hin, so in 20 Jahren oder so. Und weil Sie mit Ihrer letzten Mail als rücksichtsloser Kerl rübergekommen wären, habe ich natürlich ein paar andere Sätze geschrieben. Sonst landen wir eines Tages echt noch auf dem Index. Oder im Knast. Das Schlimme ist ja: ich sitze mit Ihnen im Ruderboot! Und muss also neben Ihnen in Stammheim am Fließband stehen und mir des Nachts mit Ihnen die Zelle teilen. (Schnarchen Sie eigentlich? Ich schon.)


Nach Ihrem letzten Eintrag im Block bekamen ja sogar ein paar meiner Freunde Angst vor meinem Umgang. Etwas Härte ist auch durchaus schön – wir wollen hier ja nicht wachsweich werden. Vermutlich kann man Typen wie Lambsdorff oder Möllemann einiges nachsagen, aber das können wir uns ja beim Zuprosten vor der Hasenschaukel gegenseitig bestätigen. Hingegen zu schreiben, dass das Beste an ihnen die Tatsache ist, dass sie tot sind, geht für meine Begriffe echt zu weit. Inhaltliche Kritik auf feine Art ist völlig okay. Der Holzhammer auch. Aber nicht polemisch und so persönlich.


Ach ja – für mein politisches Unwissen bitte ich um Entschuldigung, aber wer zum Henker ist Otto von Hayek? Ich hab den sogar gegoogelt!


Duftigen Frühlingsgruß,

VDL



Von: Kasbohm

An: VDL

01.03.2010, 18:36


Bestens gelaunt bin ich. Und stets mit beiden Beinen auf dem Boden des Presserechts. (Ich kannte übrigens mal eine Krankenschwester, die Silvester, als ihr ein paar Böller vor die Füße fielen hysterisch kreischte: "Ich ruf die Polizei"). Ich finde überhaupt erstaunlich, dass es Menschen gibt, die harte Reaktionen dann plötzlich geschmacklos finden, aber die zynische Hetze von Westerwelle nicht. Und: ich bin ja grundsätzlich ein Fairnessfanatiker. Das heißt, wer sich mit seinen Äußerungen derart weit abseits von jeglicher Zivilisation stellt, ist mit so einer Reaktion noch gut bedient. Mal metaphorisch: Wer bei einem Boxkampf ständig in die Eier tritt, hat sich sein Recht verwirkt, dass man auf seine Gürtellinie achtet. Der Kantsche Imperativ in Aktion.


Aber da ich ja im Allgemeinen ein kuscheliger Typ bin, sollen Sie auch keine Angst davor haben, eines Tages von einem FDP-Mitglied mit einer gelb-blauen Krawatte stranguliert zu werden. Ich kann auch über knospende Frühlingspflänzchen schreiben. Sie sollen sich ja auch in meiner Gesellschaft wohl fühlen und nicht jedes Mal um ihr Leben fürchten, wenn Sie einen Banktermin haben. "Aah, Herr van der Louw" *Alarmknopfuntermtischdrück* "Warten Sie doch schon mal im Keller. Ihr Sachbearbeiter, unser Herr Krawallczyk, kommt dann gleich zu Ihnen." Und "Otto" heißt natürlich "Friedrich". Und, dass hier kein Missverständnis entsteht: Ich gönne niemandem den Tod, im Gegenteil, möge jeder ein langes und glückliches Leben führen. Das habe ich auch geschrieben, wenn ich mich recht entsinne. Allerdings variiert mein Bedauern von Todesfall zu Todesfall stark.


Bestes,

Alexander



Von: VDL

An: Kasbohm

01.03.2010, 18:58


Wenn Sie über knospende Frühlingspflänzchen auch noch gut und vor allem gerne schreiben, bin ich ganz kuschelig bei Ihnen. Es ging halt wirklich nur darum, dass sich ein paar Leute irritiert an mich gewandt haben. Mir ist dann auch erst aufgefallen, dass viele Leute nur lesen und nicht kommentieren. (Sonst hätte man ja sagen können: Schreiben Sie dem Kasbohm, wenn Ihnen was nicht passt.) Aber die stellen nur das Lesen ein. (Und rufen die Bullen.)


Dass Sie tatsächlich sehr der Fairness verbunden sind, weiß ich ja, sonst könnte ich auch zu »Rent a friend« gehen. Aber Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist nicht sportlich und sowieso doch eigentlich gar nicht Ihr Stil. Das Filmchen zum Beispiel, welches ich zum Thema Westerwave auf meinem fratzenbuch-Profil habe – das ist doch viel mehr Ihr Gusto, oder nicht? Also ich mein... ääh... Sie haben doch auch Zivildienst gemacht, oder? Der Fonsi hat das jedenfalls für meine Begriffe irre elegant gelöst. Und trotzdem mit aller Härte.


Ich fand's bloß doof, weil ich bislang in meinem E-Mail-Adressblock auch immer die Güteklasse verlinkt hatte. Und die zum ersten Mal rausnehmen musste, als ich Freitag einen Neukunden anschrieb. Wenn der aus Interesse nebenbei liest, mit wem ich da so literarisch in einem Bettchen sitze, bekommt der doch Angst, dass ich Sie mal mitbringe! Da geht's ja dann auch nicht mehr um Parteizugehörigkeit oder verschiedene Ansichten. Sondern nur noch um harsche Beleidigungen. Und Otto Graf Lammfell hat (jedenfalls nach meinem Kenntnisstand) keine Menschen zu Hunderttausenden schlachten lassen. Hingegen fand ich Guido als pockennarbigen Vampir-Zombie sehr hübsch umschrieben. Ich hab auch sicher keine Bange vor FDP'lern (die sich ja sowieso jetzt alle verhalten, wie die Jünger nach der Festnahme des Heilands). Auch nicht vor Lafontaine, weil ich dem ja auch mal mit einem Braunkohlebrikett... Aber wenn der Fleischdingens uns durch seinen Anwalt, Herrn Søren Knastbringa (ein Schwede) BEIDE verklagt, weist mein Finger in Ihre Richtung. Da kenn ich nix.


Na dann schreiben Sie doch auch Friedrich! Ach, dass man sich immer ärgern muss. Ich werde Ihnen gleich mit einer Heckler & Koch ganz ganz ordentlich das Skrotum...


Tief einatmend,

VDL



Von: Kasbohm

An: VDL

01.03.2010, 19:27


Zum Teil versuche ich ja auch, Leute mal dazu zu provozieren einen Kommentar zu schreiben, das gebe ich gerne zu. Vielleicht sollte ich bei meinem Ausflug ins Pflanzenreich mal etwas über Mimosen recherchieren. Allerdings lebt es sich nach dem Kantschen Imperativ eigentlich schon recht fair. Das heißt, durch jede meiner Handlungen gebe ich jedem Anderen das Recht, sich mir gegenüber genauso zu verhalten. Und jeder Andere natürlich umgekehrt auch. Insofern schätze ich das auch, wenn man sich bei mir beschwert und nicht zu Mutti rennt.


Und persönlich bin ich auch nicht geworden, das ist - übrigens im Gegensatz zur Stein meines Anstosses - alles auf der sachlichen Ebene. Aber - zugegeben - nicht zurückhaltend formuliert. Das ist allerdings in der Tat nichts, was ich meinen Geschäftspartnern zeigen würde. Da verstehe ich Ihre Bedenken durchaus. Dem Fleischhauer hab ich nun aber gar nichts getan. Das ist sein Zitat und meine sachliche Meinung dazu. Da war ich ja in "Konkret" härter. Da wurde auch nichts abgemildert.


Aber sollen Sie mal sehen, wie ich über Frühlingspflanzen schreib! Die mach ich fertig, die Biester.


Fair bleibe ich trotzdem immer. Und der Möllemann ist durch seine Waffendeals mit palästinensischen Terrorgruppen schon mittelbar an dem einen oder anderen ausgehauchten Leben beteiligt. Aber ich will ja ernsthaft unsere drei Leser nicht verschrecken und vor allem Sie, geschätzter Kollege, nicht in unangenehme Situationen bringen. Das wäre mir dann wieder sehr unangenehm.


Einen flauschigen Abend,

AKA



Von: VDL

An: Kasbohm

01.03.2010, 19:39


Und Ihnen erst!


Piep, Piep, Piep,

VDL



Bitte kaufen.




Wenn, wie auf Haiti geschehen, die Natur Hand in Hand mit dem Schicksal Hunderttausende von Menschenleben fordert, sitzt man als Nicht-Mitglied des Technischen Hilfswerks oder den "Ärzten ohne Grenzen" eher wie betäubt im Sessel. Nur das Spenden bleibt. Schlimm bloß, wenn das Elend zwar weitergeht, im Fernsehen aber durch andere Meldungen immer weiter in den Hintergrund gerät. Was Frau Merkel zur Nutzung des Internets zu sagen hat (Vorsicht! Da kann man Ihre Daten klauen! Und per Photoshop, mit Ihren Urlaubsbildern als Rohmaterial, schweinische Filmchen bei YouTube lancieren!) dient dann als Top-Meldung, während die letzten News über ein verwüstetes Land im Nirgendwo verschwinden.


Umso besser, dass es mit dem hier aufgeführten Video eine neue Möglichkeit gibt, sich des Horrors auf Haiti noch einmal gewahr zu werden. Und den Song zu kaufen, dessen Erlös komplett in den Aufbau des Landes investiert wird. Wer also schon immer Johnny Depp an der Gitarre hören wollte, völlig vergessen hat, wie hübsch rostig die Singstimme des Herrn Shane McGowan klingt oder sich davon überzeugen mag, dass Chrissie Hynde immer noch eine tolle Frau ist, kauft bitte diesen Song, sobald er erscheint. Und alle anderen bitte auch.


Dankesehr.

VDL



Montag, 22. Februar 2010

Deutschland, schmackhaft.





Heiliges Kanonenrohr Kasbohm!


Die Erde kann sich noch so oft um die eigene Achse drehen, aber manche Dinge bleiben wirklich wie sie sind und Einiges wiederholt sich durchaus. Unlängst habe ich gelesen, dass tatsächlich jemand mit der Zunge an einem Laternenmast festgefroren ist und von der Feuerwehr unter Zuhilfenahme von warmer Kochsalzlösung befreit werden musste. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt durfte die Person wieder nachhause. Gute Besserung. (Nein, Kasbohm – ich war's nicht.) Es ist kalt in Deutschland. Immer noch. Aber wenn man sich Ihre Tiraden so durchliest, wird einem warm. Heiß sogar. Es war ja zu erwarten, dass Sie der Welt irgendwann wie ein Schnellkochtopf mit defektem Dichtungsring um die Ohren fliegen würden. Aber während sich bei den Winterspielen die Welt freundlich die Hand reicht und bald der Frühling seine Blütenköpfe durchs Streusalz schraubt, muss man sich um Sie schon wieder sorgen – kommt Ihr bevorzugter Kioskbesitzer eigentlich noch mit den Gin-Bestellungen hinterher? Und wie funktionieren eigentlich diese Suchmaschinen? Die werden ja ein lustiges Ergebnis auf den Schreibtisch des Herrn de Maizière liefern. Revolver! Atombomben! Heckler & Koch! Knackt es bei Ihnen manchmal so komisch in der Leitung? Und der weiße Transporter vorm Haus? Prüfen Sie mal im Branchenbuch, ob es Sanitäranlagen Gutbrodt tatsächlich gibt. Falls nicht – Vorhänge zu! Nicht, dass ich Ihnen irgendwann einen Kuchen mit Feile backen muss, um Sie aus Stuttgart-Stammheim herauszuholen. Dabei soll es ja sogar Leute geben, die gerne eine permanente Aussicht auf Zuffenhausen hätten. Ich, zum Beispiel. Aber Sie sehen lieber alles schwarz. Ach, Kasbohm.


Es könnte doch alles so schön sein! Auch für Sie! Zum Beispiel führt Deutschland nun endlich im ewigen Medaillenspiegel aller olympischen Winterspiele. Nicht Österreich. Kein Land, das sowieso und eigentlich immer ständig irgendwo über Schnee verfügt, wie die Schweiz oder Italien. Nö – auch dank der (tatsächlich bezaubernden) Magdalena Neuner sind WIR in der weißen Pracht die Größten. Wir sind nicht nur Papst, sondern auch Olympia. Und haben Russland verdrängt. Ich warte täglich darauf, dass die Deutsche Westerwelle eine Sonderübertragung über die Volksempfänger schickt: »Der Iwan ist geschlagen! Jetzt geht's aufwärts!« Da ist es nur allzu verständlich, dass man hier leben will. Und für einen Stundenlohn von 1,50 EUR in Vollzeit Haare schneidet und dazu noch einen ordentlichen Schluck aus der Hartz 4-Pulle nehmen darf. Ein so glorreiches Land braucht keinen Mindestlohn. Wenn es Ihnen hier nicht gefällt Kasbohm, können Sie ja gehen. Nach drüben. Oder irgendwohin, wo der Pfeffer wächst, die Sonne scheint und die Menschen freundlicher sind, als in... sagen wir mal... Berlin (also überall). Sie können nach Omsk gehen, nach Brüssel oder Haiderabad. Das Schöne ist ja, dass man für einen solchen Lebensweg keine Fremdsprachen benötigt. Auch, wenn Sie herausragendes Englisch sprechen. Können Sie vergessen und aus dem Hirnkasten löschen. Hat der Oettinger auch gemacht. Und sieht der unglücklich aus?


Wie immer erwarten Sie viel zu viel von den Menschen an der Spitze unseres hübschen Landes. Ich persönlich würde mich nicht befähigt fühlen, auch nur am bundesdeutschen Ruder zu schnuppern. Halte mit meiner Beurteilung also auch ein wenig mehr hinter den Bergen und trinke dort mit den Zwergen Kaffee. Außerdem sagt uns der Außenguido nur die Wahrheit. Dass dem arbeitsscheuen Gesindel Deutschlands keine weitere Kohle zugebilligt werden kann, ist doch wohl logisch. Was bleibt denn dann für die Hoteliers übrig? Frage ich Sie, Kasbohm! Gezielt! Na? Sie wollen doch auch von Zeit zu Zeit während Ihrer Recherchen in einem Etap-Container-Schuppen liegen und die "Sonderprogramme" schauen, nicht wahr?


Ein wenig enttäuscht bin ich von unserem Guido allerdings "scho auch", wie der Jogi Löw so gerne sagt. Denn bei ebenjenem hat sich die gelbe Welle seine letzten Brandreden ein wenig abgeschaut. Wenn unsere Fußball-Nationalelf gewinnt, sprechen die Sportreporter dieser Republik nämlich des Öfteren von einem "Arbeitssieg". Und wenn Diplom-Ingenieure auf dem Aldi-Parkplatz für einen Euro Luft um die Ecke schaufeln, dienen die der Gesellschaft. Sagen Sie mir jetzt nicht, dass das eine sinnlose Beschäftigung wäre, denn im Wortsinn ist Beschäftigung... was? Genau: Arbeit. Wer hingegen Flaschen sammelt, muss alle "Einkünfte" aus dieser "Tätigkeit", die 105 EUR übersteigen, anmelden. Sehen Sie – DAS ist gerecht, denn die Flaschensammler nehmen der Müllabfuhr Arbeit weg, vernichten Arbeitsplätze, bieten einen schlimmen Anblick, schänden demnächst unsere Frauen und essen unsere Haustiere. Einer muss dem Einhalt gebieten. Sonst gehen wir alle düsteren Zeiten entgegen.


Sie müssen das auch mal einsehen, Kasbohm: Hartz 4 wurde mit größter Weitsicht entwickelt und man hat den Menschen einen großen Gefallen getan. Damals konnte das von uns Bürgern noch kein Schwein ahnen, aber das Hartzen ist heuer die Rettung. Wo soll die Ursula die Jobs für redliche Arbeit denn hernehmen? Eben. Und von beruflicher Weiterbildung (oder überhaupt Bildung) sollte abgeraten werden, weil ständig Frau Koma kommt und Lernwillige niedermäht. Dass die Bewohner von Wilhelmsburg, Marzahn oder Rödelheim angesichts dieser weisen Voraussicht und liebevollen Obhut des Staates immer mehr Geld haben wollen, ist furchtbar undankbar. Hätten ja alle Abitur machen, Anwälte werden und in die FDP eintreten können. Selber schuld.


Also entspannen Sie sich mal, Kasbohm und machen Sie's wie ich. Ich fühle mich in Deutschland kuschelig aufgehoben und bestens repräsentiert. Mein Entgegenkommen gegenüber der deutschen Politik hat mir vieles leichter gemacht. Wenn man einfach kein einziges der Wahlversprechen für bare Münze nimmt, wird man nicht enttäuscht. Und erlebt einen Wahlabend wie ein Tennismatch. Oder einen Ski-Abfahrtslauf. Und da schließt er sich schon wieder, der Kreis.


Dennoch werde ich nach Ihrem letzten Eintrag nie wieder eines der von Ihnen aufgelegten Musikstücke kritisieren, denn am Ende machen Sie vor der Hasenschaukel en passant mit einer Schnellfeuerwaffe ein Sieb aus mir. Brandgefährlich, wenn sogar so einer wie Sie Kasbohm, kurz davor ist, sich zu bewaffnen. Wenn's am Ende auch nur ein Einmachgummi und ein paar Papierkügelchen mit Spucke sein werden, anstatt ein AK47. (Jetzt erst fällt mir das Kürzel dieser Knarre auf. Das macht mich nun aber doch ein wenig nachdenklich.)


Auf der Hut,

Ihr VDL



Montag, 15. Februar 2010

Riding the Westerwave


Van der Louw! Wir haben einen pockennarbigen Vampir-Zombie unter uns! Laden Sie den Revolver mit Silberkugeln, oder womit man diesen Biestern auch immer beikommen mag! Entsichern Sie den Hirnzellendesintegrator, polieren Sie Ihre Atombomben!

Guido Westerwelle ist kein harmloser Idiot. Er ist auch kein prinzipienfreier Karrierist wie Joschka Fischer oder Gerhard Schröder, die ihrem Ego jede Überzeugung opferten, so sie denn welche hätten. Guido Westerwelle ist ein Triebtäter. Für ihn zählt nur seine Ideolgie, die er wie saure Milch aus den fauligen Zitzen Otto von Hayeks gesaugt hat. Mir ist völlig schleierhaft, wie es seiner Partei immer noch gelingt, diese von der Geschichte längst überholte Wirtschaftsreligion – die kein wissenschaftlicher Standpunkt ist, sondern ein Glaubenssystem – als fortschrittlich darzustellen. Schon in den 20ern haben die Freunde des freien Marktes beweisen dürfen, was passiert, wenn man einer Wirtschaftskrise versucht mit ihrem rostigen Instrumentarium beizukommen. Längst sollten diese modrigen Ideen aus präfaschistischer Zeit auf dem Geächtetenfriedhof der Geschichte rotten. Doch seit die Milton-Friedman-treuen Neokonservativen die Macht nur noch unter einander hin und her tauschen, also seit rund 30 Jahren, hat die marktliberale Konterrevolution fast alles gründlich zerschlagen, was es in den ersten 30 Nachkriegsjahren an relativem allgemeinen Wohlstand in der westlichen Welt gab. Wer sich nicht wehren kann wird von seinen Zuhältern vergewaltigt. Und wer am Ende dieses Sozial-Bukkake sich nicht dankbar das Herrenmenschensperma aus dem Gesicht in den Mund wischt und schluckt, wird verprügelt, bis kein Knochen mehr ganz bleibt. „Besser als gar keine Proteine, Du undankbarer Knecht.“

Unterstützt wird Westerwelle bei seinem Amoklauf natürlich wieder vom galloppierenden Opportunisten Jan Fleischauer, der armen Sau. Der hat ja in seinem verblüffend eindimensionalen Kopf immernoch nicht begriffen, dass er mit seiner lächerlichen Spiegelschreiberexistenz nicht zu den Nutznießern des Sytems gehört, sondern denen allenfalls den Hofnarren und nützlichen Idioten geben darf. Wie das uncoole Schulkind, das sich bei den Großen anbiedert, Um auch mal mitspielen zu dürfen. Doch die schicken ihn höchstens mal zum Kiosk, damit er ihnen Zigaretten holt. Woraufhin er vor lauter Stolz scheinbar dazuzugehören gar nicht mehr merkt, dass er die Zigaretten selbst bezahlt hat. Devot wie ein läufige Hündin streckt er sein Hinterteil dem entgegen, der da kommen mag und schreibt: „Die meisten Menschen, die klaglos ihre 40 Stunden pro Woche verrichten, obwohl sie damit nicht zu den Vielverdienern gehören, haben wenig Verständnis für Leute, die für sich und ihre Familie beschlossen haben, dass man auch ohne weitere Anstrengung über die Runden kommen kann.“ Wer also von der Teilhabe am Wohlstand ausgeschlossen ist, ist ein Schmarotzer, der selbst beschlossen hat, lieber von ein paar Euro zu leben und sich von Ämtern demütigen zu lassen, als eine menschenwürdige Existenz zu führen. In seinem Kommentar auf Spiegel Online schreibt er: „Es spricht in jedem Fall sehr viel mehr für die Annahme, dass eine Erhöhung der Regelsätze sofort der Haushaltskasse zufließen würde statt in Investitionen in eine erfolgreiche Schulkarriere.“. Darüber, was er damit genau meint, braucht man nicht lange zu spekulieren. Er sagt es in einer Remixversion des Kommentars in seinem Blog selbst: „Es spricht in jedem Fall sehr viel mehr für die Annahme, dass eine Erhöhung der Regelsätze sofort der Haushaltskasse zufließen würde (vulgo Schnaps, McDonalds und Unterhaltungselektronik) als in Investitionen in eine erfolgreiche Schulkarriere.“ Dass diese Menschen weder das Geld haben noch so leicht die Motivation aufbringen können, ihren Kindern die Förderung zu bieten, wie Fleischhauer sie in seinem gut betuchten, konservativen sozialdemokratischen Elternhaus erleben durfte, geht ihm nicht auf, oder er beleidigt einfach gerne Schwächere. Früher hätte es Leute gegeben die darauf hingewiesen hätten, dass andere schon aus viel geringeren Gründen hingerichtet worden seien. Gottseidank vorbei die Zeiten. erm. Gottseidank.

Guido Westerwelle nun ist ein würdiger Vorsitzender der Partei, die auf dieser Position auf eine stolze Tradition zurückblicken kann. Aber Jürgen W. Möllemann, Antisemit aus Überzeugung, Einkaufs-Chip-Förderer, glückloser Fallschirmspringer und allgemein unzurechnungsfähiger Windhund und Otto Graf Lambsdorf, verurteilter Krimineller, dessen Lebensleistung es war, aus den Entschädigungszahlungen für die Zwangsarbeiter des Reichs eine finale Demütigung der Opfer zu machen, sind wenigstens – und das ist das Freundlichste, was man über sie sagen kann – tot. Westerwelle sieht immer frisch und fit aus, und er hat keine gefährlichen Hobbies. Seine gute Gesundheit wäre ihm gegönnt, wenn er anderen die ihre auch gönnte. Aber aus einer derart offen privilegierten Position den Aussortierten seine Verachtung zu demonstrieren ist ekelhafter Zynismus.

Wenn Westerwelle jetzt diejenigen bespuckt, denen seine Ideologie nur noch einen Platz als gesellschaftlichen Bodensatz lässt, dafür beschimpft, dass sie keine Arbeit haben, also der Verletzung noch die Verhöhnung hinzufügt, dann weiss er genau was er tut. Er darf vorpreschen und den Buhmann spielen, damit die nächsten Entmenschungspakete dieser Regierung willfähriger Büttel aussehen, wie moderate Kompromisse. Letztlich geht es ja doch nur darum, den Bluttransfer aus den unteren zwei Dritteln der Bevölkerung zu der handvoll immer größer und immer gieriger werdender parasitärer Lebensformen, die den gesellschaftlichen Reichtum weitgehend unter sich aufteilen, effizienter zu gestalten. Die Nutzlosen, die Ausgestoßenen, die Lästigen werden notdürftig alimentiert solange die Notschlachtung gesellschaftlich noch nicht durchsetzbar ist. Aber die Verachtung, die Entwürdigung und der blanke Hohn, mit dem sie jeden Tag leben müssen treibt die Abgehängten ja auch nur dazu, sich gegenseitig totzuschlagen. Ihre Kräfte im Kampf gegeneinander, im Rangeln um die letzten Reste zu vergeuden, statt sie zu bündeln, um denen in ihre selbstgefälligen Visagen zu treten, die sie sehend und mit voller Absicht in diese Scheiße geritten haben. Jeden Tag, noch bevor sie die Sonderangebote bei Lidl durchforsten um ihre Familien halbwegs würdevoll zu ernähren, werden Sie von den Westerwelles darauf hingewiesen, dass sie Ihre Lage selbstverschuldet haben. Und dafür, dass man sie überhaupt noch leben lässt, dafür aber sie und ihre Kinder fast sämtlicher Aufstiegschancen beraubt, dafür, dass man ihnen immer wieder Zwangsarbeit zuteilt, damit sie wissen, dass ihr Leben nur noch geduldet ist aber nicht mehr erwünscht, dafür sollen Sie dankbar sein. Und sich mal besser freuen sollten, solange es noch so ist.

Dieses ganze Pack ist derart verabscheuungswürdig, dass es kaum noch möglich ist ein Wort zu schreiben ohne immer wieder in die gleichen Klischees zu verfallen, weil alles schon gesagt ist und auch alles derart klar und offensichtlich auf der Hand liegt. Aber erst, wenn der letzte Texter, jeder CD oder AD, jeder Grafiker, Informatiker und auch der dümmste Journalist (Fleischhauer) begriffen hat, dass er niemals, niemals mitspielen darf, wenn er Glück hat, mal durchs Esszimmerfenster schauen darf, wenn er Pech hat die Küchenabfälle essen muss, wenn er begriffen hat, dass er zwar zeitlich befristet eine bürgerliche Existenz führen darf aber nichts weiter als austauschbarer Proletarier ist, der entsorgt wird, wenn er nicht mehr berwertbar ist, erst dann gäbe es auch nur die entfernte Möglichkeit, diese Armee innerlich halbverwester Zombies in den Salzstollen von Gorleben zu sperren, bis sie zu Staub zerfällt. Also nie. Und das ist wirklich, wirklich Schade.

Und diese Experten wissen genau, dass die "Krise" des letzten Jahres erst der Anfang war, ein kleiner Vorgeschmack, ein Vorspiel. Richtig gefickt werden wir später. Warten Sie es ab. Und dann bleibt nur noch die Frage: Vaselinetopf oder Heckler & Koch. Also bereiten Sie sich vor. Bitte. Danke.

Dienstag, 9. Februar 2010

Off the record



Von: VDL

An: Kasbohm

28.01.2010, 23:30


Bester Kasbohm,

das ist schon lustig – je häufiger ich von Leuten höre, dass die unser Blog lesen, desto diametraler verläuft unser Tagwerk dazu. Was lesen die da? Alle alten Beiträge? Ich muss mich wundern. Aber natürlich geht das so nicht weiter. Ich mag nur ungern wieder der Dicke mit dem Lendenschurz auf der Galeere in "BEN HUR" sein (ja, der mit der Trommel), aber der Herrgott oder das große Auge im Weltall haben mir scheint's diese Rolle zugedacht.


SCHREIBEN SIE ENDLICH WAS!


Es muss Content her, denn wir leben in einer gar schnellen Zeit. Wochenzeitung geht ja noch. Monatsmagazin ist im Blockwesen aber wohl fürn Arsch. Wir müssen da was tun. Wenn Ihnen nix einfällt, lade ich Sie hiermit zum Essen ein. Linguine und Rotwein, bis ein Arzt kommt oder sei es bloß ein Heilpraktiker. Die U-Bahn hält übrigens fast vorm Haus (nur einmal umsteigen!). Bei dieser Gelegenheit können Sie mir auch gleich das professionelle Plattenauflegen beibringen, damit unser DJ-Projekt mal in die Hufe kommt. Wir malen die Knöpfe vom Mischpult der Hasenschaukel auf den Tisch und Sie sagen mir, in welcher Abfolge man die drücken muss.


Tschacka!

VDL



Von: Kasbohm

An: VDL

30.01.2010, 12:17


Recht hat er, der VDL. Bin auch schon am Schreiben!



Von: VDL

An: Kasbohm

08.02.2010, 22:39


Kaaaaaaaaasboooooohm! SCHREIIIIBEEEEN!!! Oder ich schreib für Sie! Und enthülle als ihr Geistschreiber ein paar unbequeme Wahrheiten. Zum Beispiel dass ich (also Sie) Cliff Richard ganz ganz klasse finde. Ich mach das! Kein Spaß! Ernst!



Von: Kasbohm

An: VDL

08.02.2010, 23:05


Aaalter!


Ich hab Delirium! So einen richtigen Männerschnupfen. Sie wissen schon: gefühlte 75 Grad Fieber, aufgequollen wie Liz Taylor in den 80ern, Hiroshima im Schädel und akute Lebensgefahr. Die Nase läuft wie die Niagarafälle fallen und die Augen tränen wie die einer Maria Schell mit letalen Depressionen. Ich sehe aus, als trüge ich die abgelegten Augenringe von Horst Tappert. Der braucht die ja wohl nicht mehr. Sollte ich das alles wider erwarten überleben, dann werde ich – sobald ich wieder weiß, wie ich heiße – den Beitrag schreiben. Noch bevor ich die Klageschrift an die Stadt Hamburg vorbereite, wegen fahrlässiger Tötung durch vorsätzliches Nichtstreuen öffentlicher Wege und Plätze.


Bis dahin können Sie diesen Briefwechsel als Beitrag aufs Blog stellen.


Halten Sie sich wacker und ducken Sie sich vor den Viren,


Bestes,

Alexander (Nicht Sie, der Andere)




Mittwoch, 30. Dezember 2009

Fick dich, 2009.




Ein Nachruf.

Lieber Kasbohm,


das ist mal eine Überschrift, die ein wenig von der Contenance vermissen lässt, die Sie sonst an mir schätzen, gell? Aber angemessen ist sie auf jeden Fall. Und nötig genauso.


30.000 deutsche Unternehmen pleite, Porsche unter der VW-Fuchtel, Ronald Pofalla, Guido Westerwelle und Dirk Niebel in ministerialen Würden und Frusciante steigt bei den Chili Peppers aus. Viel mehr braucht es ja eigentlich nicht, um unterm Strich festzustellen, dass 2009 ein Scheißjahr war. Oder doch? Kein Problem: Dieter Althaus mäht als Pistensau eine junge Mutter um, schafft es nicht öffentlich glaubhaft Reue zu zeigen, aber dafür im Amt bis zur Landtagswahl. Tim K. knackt den Knarrenschrank seines bis unter die Hutkrempe bewaffneten Papis und verwandelt (vermutlich mit einem bleistiftdünnen Pipimann in der Hose) im Pubertätswahn meine schwäbische Idylle in ein Schlachtfeld. Robert Enke setzt sich in Eilvese bei Hannover auf die Regionalbahngleise. Der VfB Stuttgart bleibt für Wochen im Tabellenkeller. Ich könnte noch viele Zeilen so weitermachen – und dabei bliebe mein persönliches 2009 noch unberücksichtigt. Würde ich da anfangen und weitermachen, hätte ich für Wochen im voraus zu tun. Ich will ja nicht persönlich werden und Sie mit intimen Begebenheiten langweilen, Kasbohm. Aber eine Sache steht für mich geradezu stellvertretend für den Umstand, dass mich die letzten 12 Monate dieser Dekade mal am Arsch können und zwar ganz gewaltig. Nämlich die Tatsache, dass ich meinen Porsche verkaufen musste. Nee Kasbohm – ich erwarte keinesfalls, dass Sie als Bahn- und Buspassagier nachvollziehen können, wie schwer so etwas ans Herz geht. Außerdem liegt der Verkauf meines Lieblings schon über 6 Jahre zurück. Was das dann mit 2009 zu tun hat? Nun warten Sie doch mal ab.


Zu Beginn dieses gerade ausklingenden Jahrzehntes wurde ja schon einmal eine Krise gefeiert – verglichen mit der dieses Jahres zwar ein Kriselchen, aber immerhin gab's damals auch für eine recht lange Zeit keine Jobs in der Reklamebranche. Ein gutes Jahr konnte ich das noch finanziell kompensieren, aber dann ging es ans Eingemachte. In meinem Fall ans Geparkte in der Tiefgarage; ein gutes Jahr nach 9-11 setzte ich also meinen 911 zum Verkauf ins Internet. Einer der ersten Interessenten war Jürgen Egger aus München. Ein Regisseur und Drehbuchautor (u.a. "Kleine Haie"), der sich besonders nach einem braunen Porsche umsah. Da war er bei mir richtig. Farbmusterwagen – nur einmal so lackiert – in rehbraun, Bj. 1983, Dezemberblatt im Porschekalender. Weil dieser Schlitten ein Jahr auf Porsche zugelassen war und in dieser Zeit auch mal an hohe Persönlichkeiten ausgeliehen wurde, wenn diese in Stuttgart weilten, lenkte jenen 911 u.a. auch mal Herbert von Karajan für zwei Wochen durchs Schwäbische. Stellen Sie sich hier mal einen kleinen Seufzer vor, Kasbohm.


Nun verkauft man einen alten Porsche nicht an irgendwen. Und so einen besonderen schon mal gleich gar nicht. Also war ich gottfroh, dass sich mit Jürgen Egger einer meldete, der schon in der E-Mail-Konversation deutlich machte, dass Autos für ihn weit mehr als ein Fortbewegungsmittel seien. Einige Tage nach der ersten Kontaktaufnahme schrieb er mich allerdings an und sagte freundlich ab. Er hatte die Gelegenheit, über einen Freund ein targa-Modell zu bekommen. Auch, weil seine Lebensgefährtin gerne mal oben ohne fuhr. Das las sich alles so, als wenn er eigentlich lieber meinen Wagen erworben hätte, aber was tut man nicht alles für besondere Frauen. Die Wochen und Monate vergingen jedenfalls und ich warf diverse Zeitgenossen aus meiner Tiefgarage. (Einem empfahl ich den Kauf eines Golf GTI und drohte zusätzlich kräftige Hiebe mit meinem Wagenheber an.)


Irgendwann meldete sich Jürgen Egger wieder. Das mit dem targa hätte nicht geklappt und auch auf die Gefahr hin, dass ich ihn für völlig übergeschnappt hielte, wollte er mal anfragen, ob mein 911 noch zu haben sei. Zwei Tage später setzte er sich in München in den Zug – aufgrund einer Mittelohrentzündung durfte er nicht fliegen – und kam nach Hamburg. In der Garage angekommen, stand dann ein riesiger Mann geschlagene fünf Minuten vor meinem Wagen, ehe er sich traute ihn anzufassen. Mit Augen wie ein kleiner Junge vorm Christbaum, unter dem eine Carrera-Bahn liegt. Wir verstanden uns auf Anhieb, machten eine Probefahrt (mit einem Gruß vom Getriebe, wofür er sich sofort entschuldigte) und er strich nach der Ankunft noch einmal geradezu liebevoll mit dem Finger über das Dach des Autos. »Dann machen wir mal den Vertrag fertig.« Keine Diskussionen über den Preis, keine unwürdige Feilscherei. In meiner Wohnung stand er dann relativ lange vor ein paar Sinatra-Fotos, die an meiner Wohnzimmerwand hingen. »Ich weiß«, meinte er, »dass das heute ein ganz beschissener Tag für Sie ist. Aber wenn ich mich hier so umsehe, dann merke ich, dass Sie genauso wie ich einen Sinn für besondere Dinge haben. Und ich kann Ihnen eines versprechen: der Elfer ist bei mir in den allerbesten Händen.« Er gab mir seine Visitenkarte: eine Filmproduktionsgesellschaft, die auf den Namen RAT PACK hörte und die unter seinem Namen die schönste Berufsbezeichnung trug, die ich jemals gelesen habe: Jürgen Egger. Consigliere. Solche Menschen muss man mögen. Wir unterhielten uns noch recht lange über Filme, Bücher und Musik, tranken Kaffee und qualmten meine winzige Küche zu. Dann erzählte er mir noch die Geschichte einer besonderen alten E-Gitarre, die er einem guten Freund nach einem Jahr Leihgabe aus dem Kreuz geleiert hatte und ich bekam eine weitere Bestätigung dafür, dass mein Porsche keinen besseren neuen Besitzer hätte finden können. Er meinte, es wäre zwar eine Zumutung und wollte mich eigentlich gar nicht fragen, aber er bat mich dann doch, ihm das Auto noch aus der engen und unübersichtlichen Tiefgarage heraus zu fahren. Wir verabschiedeten uns mit einem langen Händedruck und kurz vor Mitternacht des gleichen Tages bekam ich eine SMS: »Der 911 ist wohlbehalten in München angekommen. Liebe Grüße, Egger.«


Es ist gerade ein paar Tage her, da telefonierte ich mit meiner Freundin C. aus S. Weil jene junge Dame meine Liebe für Automobile teilt, erzählte ich ihr die Geschichte vom Verkauf vor ein paar Jahren und kam gleichzeitig auf die Idee, doch mal im Internet nachzuschauen, was Jürgen Egger wohl gerade so treibt. Ich klickte auf den ersten Link bei Google. Ganz oben standen zwei Zeilen. Jürgen Egger, geboren 1959 in Bamberg, gestorben am 1. Juli 2009 in München. Während des weiter laufenden Telefonates betrank ich mich ganz bewusst.


In seinem Eintrag bei Wikipedia sieht man ihn auf einem Foto mit der Gitarre, von der er mir erzählt hatte. Und in einem Nachruf einer Zeitschrift, für die er u.a. schrieb, wurde folgendes erwähnt: Wer Jürgen Egger persönlich kennenlernen durfte, wurde angenehm überrascht, dass der so messerscharf und sarkastisch formulierende Fast-zwei-Meter-Mann - nur komplett mit cooler Sonnenbrille, betagtem Porsche und zurückhaltend-sonorer Stimme - ein außergewöhnlich zuvorkommender und freundlicher, ja, geradezu höflicher Zeitgenosse war. Jürgen Egger starb am 1. Juli 2009 nach schwerer Krankheit. Er wurde nicht einmal 50 Jahre alt. Wir vermissen ihn schmerzlich. Ich hatte nur für ein paar Stunden Gelegenheit, diesen famosen Kerl kennenzulernen. Aber die haben gereicht um festzustellen, dass man im Leben gottlob immer mal wieder besondere Menschen trifft und sich daran freuen kann. Jürgen Egger war so einer. Und dass er 2009, mindestens 40 Jahre zu früh gestorben ist, passt einfach wie die Faust auf die Annalen dieses Scheißjahres.


Ich für meinen Teil trinke morgen Abend noch einmal einen Schluck auf ihn und die guten und wahren Dinge im Leben. Anschließend werde ich 2009 und die ganzen Frechheiten, die sich dieses Jahr bei mir persönlich geleistet hat, in ein dreckiges Loch kippen, allerlei Unrat und Fischabfälle darüber werfen und die letzten zwölf Monate dann einfach vergessen. Mitsamt den Adressen von einigen Gestalten, die mich viel zu lange beschäftigt haben. Bis auf Jürgen Egger werden keine Erinnerungen bleiben. Dieses Jahr hat nicht stattgefunden. Wenn mich jemand fragt, weiß ich von nichts. »2009? Da war ich gerade pinkeln.«


Ihnen ein frohes neues Jahr, Kasbohm. 2010 wird grandios. Sowas Ähnliches habe ich zwar vor einem Jahr auch schon mal gesagt, aber diesmal stimmt es.


Voraus blickend,

Ihr VDL



Dienstag, 15. Dezember 2009

Teenager und Drogen

Ich habe mich ja nun eine Weile in vornehmer Zurückhaltung geübt. Nicht aus Divenhaftigkeit sondern einfach, weil ich das Gefühlt hatte, zur Zeit nichts zu sagen zu haben. Und so viele Leute stopfen jeden möglichen Informationskanal mit den Sachen voll, die sie nicht zu sagen haben. Da wollte ich als leuchtendes Beispiel vorangehen, dem von möglichst vielen Folge geleistet werden sollte. Einfach mal die Fresse halten, wenn da eh nichts Interessantes rauskommt. Es ist nicht so, dass sich bei mir wahnsinnig viel geändert hätte. Aber ich habe mitbekommen, dass dieses Blog tatsächlich gelesen wird. Und ich will ja auch nicht unhöflich sein.

Ich habe mich gefragt, wann fing meine Äußerungsunwilligkeit eigentlich an. erstaunlicher Weise kann ich den Zeitpunkt genau benennen. Es war ziemlich exakt mit der letzten Bundestagswahl. Ich weiss nun nicht, ob die direkt etwas damit zu tun hat. Aber auf jeden Fall passt es irgendwie. Jetzt wo man nicht nur Merkel sondern auch Westerwelle jeden Tag vor Augen hat, was will man da noch sagen. Gaben die Sozen wenigstens noch in ihrer Bigotterie ein anständiges Feindbild ab, ist jetzt alles so so offensichtlich, so platt, so vorhersehbar. Die Wut ist intakt, aber das Bedürnis darüber zu kommunizieren ist weg. Es hat sich irgendwie erübrigt. Da ist einerseits der Drang, die alle in die Luft zu sprengen, weil sie mit ihrer überkommenen Ideologie (eher schon Religion) uns jeden Tag tiefer in die Scheisse reiten, andererseits möchte ich darüber nicht reden. Also wäre Wortlos in die Luft sprengen vermutlich die richtige Alternative.

Also genug davon. Der Van der Louw hat vollkommen recht, wenn er die neue Flaming Lips Platte mit der gebührenden Begeisterung lobt. Die hat sich ja auch einige böse Verrisse abgeholt. Erstaunlicher Weise wurde ihr oft vorgeworfen, anstrengend zu sein. Was sie nicht ist. Sie ist ein mit Drogen vollgepumptes Groovemonster. So wären Pink Floyd, wenn sie nicht doof wären. Man kann diese Platte vollkommen anstrengungsfrei durch die Gehirnwindungen sich schlängeln lassen. Das kitzelt vielleicht etwas, macht aber keine Mühe. Ausserdem, was sind das denn für Menschen, die sich von Platten überfordert fühlen, die anders sind, als sie erwartet haben. Musik ist ja keine Tapete. Musik, wie jede Kunst, soll einen auch gerne mal herausfordern. Und ich beneide den VDL darum, das dann auch live erlebt zu haben.

Ganz andere Musik, ähnliches Vergnügen. Die beste Duran Duran Platte, „Rio“, ist jüngst als Doppel-CD-Limited-Edition erschienen. Mit Demos und Dance-Versionen (die damals nicht gemixt wurden, sondern neu eingespielt. Länger und grooviger. Was das Erstaunliche an dieser Edition ist: Sie macht klar, dass Duran Duran eine wirklich ernsthaft gute Band waren. Die hat man ja damals nicht so richtig ernst genommen. Vermutlich weil die kleinen Mädchen sie toll fanden und sie ständig auf dem Cover der Bravo waren. Aber eine der wichtigen Lektionen ist: Was Popmusik angeht haben kleine Mädchen immer recht. Wenn man sich mal vor Ohren führt, was für Songs die Herren Rhodes. LeBon, Taylor, Taylor und Taylor geschrieben haben, als sie gerade mal zwanzig waren, kann man nicht anders als beeindruckt sein. Wenn man daneben dann die vielgeschätzten Zoot Woman hält, die ja auch gar nicht schlecht sind, aber soundmäßig eher eine Pastiche von dem sind was Duran Duran und andere in den frühen achtzigern gemacht haben, kommt man nicht umhin eines festzustellen: Wenn Zoot Woman auch nur einen Song geschrieben hätten, der vom Songwriting auch nur ansatzweise so stark wäre wie die frühen Stücke von Duran Duran, dann hätten sie dafür vermutlich ihre gesammelten Mütter und Großmütter an den Teufel verkaufen müssen. Bevor DD dann in der zweiten Hälfte der 80er in tiefste Tiefen abgestiegen sind, hatten sie nicht nur verdammt gute Songs, ein cooles Image und konnten aus ihrer Plattenfirma viel Geld rausleiern um Videos in der Karibik zu drehen, sie waren auch gute Musiker. Die Limited-CD hat zudem ein hübsches, dickes Booklet. Und im März gibt es dann das Gleiche nochmal mit dem Debüt-Album. Lohnt sich.

Soviel erstmal hierzu. Bezaubernd auch die Platte von Neil Hannon (Devine Comedy) unter dem Namen „The Duckworth Lewis Method“. Eine ganze Platte über Cricket. Muss man auch erstmal machen.

Nächstes Mal dann mehr von brennender politischer Brisanz. Oder über „Welt Kompakt“. oder was mir grad so über den Weg läuft. Ich wünsche gesegnete Vorweihnachtstage.

Freitag, 13. November 2009

In Space.



Lieber Abstinenzler Kasbohm!


Tick, Trick und Track, "Drei Mann in einem Boot", Queen ohne Freddy Mercury: Aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei, auch wenn mir das in diesem Fall so gar nicht glatt den Schlund herunterrutschen mag. Dreimal dürfen Sie jetzt meinetwegen raten, aber Sie sind ja ein schlauer Tausendsassa und kommen sofort drauf: NATÜRLICH war unsere hier so lauschig verortete Konversations-Kolchose nicht als Ort der inneren Selbsteinkehr gedacht, sondern als gepflegte Unterhaltung. Und nun reihen sich meine blödsinnigen Beiträge von Ihnen völlig ununterbrochen aneinander, so dass unsere vier Leser schon dreimal den einen gleichen Verfasser ertragen mussten. Völlig verzweifelt habe ich ja sogar schon in Betracht gezogen, als Ihr Geistschreiber zu fungieren und mich über kasachische Kulinarik auszulassen, aber das erschien mir doch zu unredlich. Man darf sein Publikum nicht bescheißen. Wir sind ja nicht Britney Spears.


Nun ist während unserer langen Sommerpause eine ganze Menge geschehen. Themenstau sozusagen. Mon Cheri ist beispielsweise wieder da! Die Blätter fallen unablässig von den Bäumen (vermutlich Schweinegrippe – ich erkenne da Zusammenhänge). In der Opel-Kantine gibt es auch weiterhin Donuts. Merkel regiert als Juniorpartner der FDP. Oder bemüht sich wenigstens nach Kräften, so auszusehen. Irre. Man glaubt gar nicht, was in zwei Monaten so alles passieren kann. Und weiß natürlich erst recht nicht, was man zuerst besprechen soll. Am besten fährt man immer mit den wichtigsten Themen. Also solche, die die Menschen wirklich betreffen und berühren, in dieser unsicheren Zeit der Krise, der Pandemie und des Verfalls. Also. Ich habe letzten Freitag THE FLAMING LIPS gesehen.


Wie ich Ihnen gegenüber im Vorbeihuschen erwähnte, durfte ich am letzten Wochenende dem ROLLING STONE WEEKENDER am Weißenhäuser Strand an der lieblichen Ostsee beiwohnen, dort viele famose Bands und Einzelinterpreten bewundern und wie doof beklatschen. KETTCAR eröffnete den Reigen. Die gehen mir ja normalerweise recht schnell auf den Pinsel, weil der Sänger immer so singt, als läse er Möbelkataloge vor. Versmaß wie ein Telefonbuch. Und dazu brettern dann die Gitarren. Bislang ist jedes Album von denen spätestens nach dem vierten Stück bei mir aus dem Schacht geflogen. ABER! Die Songs umarrangiert, ein Streichquartett mitgebracht, Kronleuchter auf dem Boden drapiert: Das tat recht fix Wirkung. Spätestens bei "Landungsbrücken raus" war ich so ergriffen, dass ich die Kameras, die das Wochenende für eine "Rockpalast"-Folge auf Film bannten, meiden musste. Wie immer stand ich exaltiert in der ersten Reihe und die Fernsehnation hätte sich dann demnächst gefragt, ob dem Mann da vorne irgendwas wehtut. Famos! Nur die billigen Anzüge... aber man soll ja nicht kleinlich sein. Ein in meinem Gedächtnis kurzes, aber sehr lustiges Intermezzo gaben THE SOUNDTRACK OF OUR LIVES aus Schweden. Eine Kreuzung aus Joe Cocker und einem Braunbären im Kaftan als Sänger sowie ein Leadgitarrist, der per Zeitmaschine direkt von 1974 zu uns ins Jetzt geflogen kam. Stilecht mit Röhrenhose und Kawasaki-Bart. Außerdem dachte ich immer, dass nur noch bei den Scorpions eine Flying-V gespielt wird. Jedenfalls haben die ordentlich auf den Gong gehauen. Vollgas, Riff an Riff, keine Gnade. Sehr laut, sehr unterhaltsam. Ich brauchte eine Pause. Die holte ich mir bei der Lesung von Heinz Strunk, der wirklich brutal lustige Passagen aus seinem Werk "Fleckenteufel" zum Besten gab. Ich höre Sie schon, Kasbohm: Dass ausgerechnet mir dieser Fäkal- und Pups-Humor gefällt, war Ihnen klar, oder? Aber da gehe ich mal ganz nonchalant drüber weg.


Von den EDITORS sah ich nur noch den Schluss und postierte mich gleich nach dem Verklingen des letzten Akkords der britischen Mädchenträume ganz vorne an der Bühne, denn die Headliner des Freitags standen auf dem Programm. Nun muss ich erklärend hinzufügen, dass ich am letzten Freitag nur ein einziges Album der Flaming Lips besaß: "At War with the Mystics". (Hervorragend!) Außerdem wusste ich aus Erzählungen und Magazinen, dass diese Truppe eine recht exaltierte Bühnenshow zu veranstalten pflegt. Aber schon der Soundcheck war schräger, als alles was ich bislang gesehen habe. Innerhalb von fünf Minuten war die Bühne rammelvoll. Und zwar ausschließlich mit (meist dilettantisch) orange beklebt und bemaltem Equipment. Bis auf einen Fender Jazz-Bass und zwei (mit Handys und Fahrradklingeln ausgestattete) Gitarren war tatsächlich alles in der scheinbaren Hausfarbe der Lips gehalten. Ebenso ungewöhnlich wie angenehm fern jeglicher Allüren: Lips-Impresario Wayne Coyne betrat mit den Roadies die Bühne, wuselte zwischen den Verstärkern herum, überwachte das Hereinrollen der Videowand und plauderte angeregt mit dem Publikum. Ein stetig brummender Gitarrenmonitor verhinderte einen pünktlichen Anfang und mit 10 Minuten Verspätung ging es dann los. Damit Zeitgenossen, die die Flaming Lips in der nächsten Zeit noch sehen werden (ich hoffe SEHR auf ein paar Deutschland-Konzerte im kommenden Jahr) nicht der ganze Spaß genommen wird, schweige ich mich an dieser Stelle über einzelne Programmpunkte aus. Einigermaßen Eingeweihte dürfen im Kopf jetzt Häkchen setzen: Wayne Coyne im Space-Ball ++ Konfetti-Kanonen, mit denen man Kriege entscheiden kann ++ Rauch (VIEL Rauch) ++ Ballons (VIELE Ballons) ++ Eisbären ++ Gorilla ++. Insgesamt eine Veranstaltung, als wäre man auf LSD im Ikea-Bällebad. Ein übergeschnapptes Parallel-Universum, in dem rund um die Uhr Kindergeburtstag gefeiert wird. Es dauerte bis kurz nach dem Opener "Race for the Price", bis ich auch den letzten Winkel meiner musikalischen Seele vollends den Flaming Lips überschrieben hatte. Bislang hätte ich keine 20 Piepen darauf gesetzt, dass ich mit 41 Jahren nochmal zum durchgeknipsten Party-Bären mutiere und debil grinsend in einem Zelt am Ostseestrand durch knietiefe Konfetti-Fluten hopse, als hätte man mir Stromstöße verabreicht. War aber so. Womit ich allen Lesern, ja der gesamten Menschheit gar, an dieser Stelle die Flaming Lips ganz warm ans Herz legen möchte. Erstens beschäftigen die sich in ihrem Gesamtwerk stets mit den wichtigen Dingen des Lebens: Liebe, Tod, überdimensionale Hasen. Zweitens kommen sie aus Oklahoma City, wo meines Wissens niemand sonst herkommt. Drittens trägt Wayne Coyne extrem geschmackvolle Anzüge und macht überhaupt keinen Hehl daraus, dass er ein grauenhafter Sänger ist. Und viertens hören Alben und Songs der Lips auf Namen wie "Guy who got a headache and accidentally saves the world" oder "UFOs at the Zoo". Ich könnte jetzt noch zwanzig weitere Gründe aufzählen, aber verweise lieber auf einen Satz von Jürgen Ziemer (Rolling Stone): »Nur ganz große Künstler sind zu solchem Wahnsinn fähig.«


War noch was? Ach ja! Der Samstag. Wilco waren toll. Musikalisch die wohl beste Band der Welt.


Für mich noch schöner war dann allerdings der Montag. Auch für meinen Plattenverkäufer. Ich erwarb sieben Alben und eine DVD der Lips. Ich hatte noch mehr auf dem Zettel, aber das war alles, was sich im Fach befand. Der Rest ist bestellt. Übrigens ziehe ich meine unlängst getätigte Äußerung hiermit zurück: Das neue Werk "Embryonic" ist tatsächlich ganz furchtbar. Aber vielleicht fehlen mir auch bloß die richtigen Rauschmittel dafür. Gestern musste ich dennoch dem starken Drang widerstehen, mir einen Flug nach Oklahoma City zu buchen. Die Lips spielen dort zum Jahreswechsel und werden Pink Floyds "The Dark Side Of The Moon" neu interpretieren. Ein harter Verzicht. Deshalb erwarte, ja VERLANGE ich GEZIELT an Ihrem heutigen Hasenschaukelauflegeabend mindestens drei FL-Stücke. Lindern Sie meine Pein bitte mit "Free Radicals", "Fight Test" und vielleicht "Jesus shootin' Heroin". (Und wenn Sie ganz mutig sind: wie wär's mit "Aquarius Sabotage" von der neuen Platte? Aber dann landen Sie vermutlich in der MOPO. »DJ treibt Clubbesucher in den Wahnsinn! Festgenommen!«) Der Ball liegt bei Ihnen, Kasbohm. So wie auch hier, in unserem kuscheligen Heimstadion.


Wenn es für mich dann demnächst wieder "nach Ihnen" heißt, geht es aber wirklich mal nicht um Musik, sondern tatsächlich zur Abwechslung um etwas Wichtiges. Klamotten. Ziehen Sie sich warm an, Kasbohm.


Frisch entflammt durchs Universum trudelnd,

Ihr VDL

Samstag, 19. September 2009

In eigener Sache




Wenn eine Straßenbahn einmal aus der Schiene springt, kommt sie nie mehr wieder

Und wenn ein Kontrolleur dich laufen lässt, tut er das auf eigne Faust

Wer die Monatskarte hat, sollte besser nicht am Monatsanfang sterben

Und hier ist Endstation, hier geht es nicht mehr weiter, hier steigen alle aus


Komm mit mir woanders hin, ich weiß noch einen Weg

Den kann man nicht alleine gehen, und ich hab mir überlegt

Dass alles, was ab jetzt geschieht, mich nicht mehr interessiert

Wenn du darin nicht vorkommst, bitte bleib bei mir


Element of Crime – Bitte bleib bei mir

Vom Album "Immer da wo du bist bin ich nie"


Ich persönlich würde mir das Futter aus dem Sakko reißen, wäre ich fähig, solche Lyrik zu Papier zu bringen und vermutlich täte ich das auch mit allen anderen Sakkos in meinem Kleiderschrank, hätte ich wie Sven Regener eine Schar Freunde hinter mir, die in der Lage sind, aus solchen Zeilen auch noch ein ganz wundervolles Lied zu basteln. 


Element of Crime begleiten mich seit nunmehr 15 Jahren über Höhen und Tiefen. Beiderseitig, wohlgemerkt. Ich weiß auch nicht, woran das liegt, aber auf ein wenig unheimliche Art schreibt diese knarzige Combo den Soundtrack zu meinem Leben. Psycho zum Beispiel, klang 1999 irgendwie nach Aufbruch, also packte ich im gleichen Jahr meine Klamotten und verließ meine Heimatstadt. Romantik lieferte die schönste Herbstmusik, die man sich denken kann und zum gleichen Zeitpunkt, nämlich 2001, kam ich mit Sack und Pack in der deutschen Hauptstadt des regnerischen Wetters an. (Übrigens in einem braunen Auto, welches auf der ganz neuen Platte ebenfalls besungen wird. In einem Text, den ich sofort unterschreiben würde.)


Mit Mittelpunkt der Welt erschien 2005 dann eines ihrer bis dato besten Alben. Nun lebt man sein Leben ja nicht nach Musik; selbst wenn man dieser schönsten aller Künste eine große Bedeutung im eigenen Leben einzuräumen bereit ist. Aber an entscheidenden Schlüsselstellen des Daseins und vor allem der Liebe spielte Mittelpunkt der Welt in den letzten vier Jahren bei mir eine Rolle. Seit gestern gibt es nun Immer da wo du bist bin ich nie. Und ob man das nun glaubt oder nicht: diese Platte wäre nicht anders ausgefallen, hätte ich Sven Regener höchstpersönlich angerufen und angefragt, ob er ein paar Lieder schreiben kann, die zu meinem derzeitigen Leben passen. Dabei liefern Element of Crime ja gar kein Patentrezept. Sie zeigen einem bloß immer wieder auf, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn man keines hat. Und dass man vermutlich noch nicht mal eines braucht, weil's sonst arg langweilig werden würde.


Immer da wo du bist bin ich nie ist meine Platte für diese Zeit. Ganz genau passend für die letzten Vorkommnisse, mit der richtigen Mischung aus Trost und Zuversicht. Keine Ahnung, woher der Regener weiß, was ich gerade gebrauchen kann. Aber ich wollte ja eigentlich auch nur eines sagen. Danke nach Berlin.



VDL

(Entschuldigen Sie die Unterbrechung, Kasbohm.)